Rotkäppchen´s
Großmutter könnte noch leben, wenn… Oder:
Das Sprachverstehen älterer Menschen - Ältere Menschen
besser verstehen
Torsten Bur
Bethanien–Krankenhaus,
Geriatrisches Zentrum, Heidelberg Agaplesion Akademie,
Heidelberg
Bei der Diagnostik
und Therapie von Sprachverständnisproblemen älterer Menschen
sind eine Reihe von Besonderheiten zu beachten.
Ziel des Vortrags
ist ein besseres Verständnis der Situation älterer Menschen mit
Sprachverständnisproblemen. Spezifische Faktoren, die das Sprachverstehen
dieser Menschen beeinflussen, sollen aufgezeigt werden. Der Vortrag soll
Anregungen bieten für eine sinnvolle Befunderhebung, die ältere Menschen nicht
überfordert.
Abschließend sollen
einige Aspekte des Umganges mit Sprachverständnisproblemen in der Therapie
beleuchtet werden.
Was verstehen wir LogopädInnen
von älteren Menschen?
In der
logopädischen Ausbildung kommen ältere Menschen mit ihren spezifischen
Anforderungen nicht vor, im Curriculum existiert das Wort „Geriatrie“ nicht.
Folgerichtig kennen
wir uns zu Beginn unserer Tätigkeit mit älteren Menschen auch nicht gut damit
aus.
Was ist ein „geriatrischer „ Patient?
Geriatrische
Patienten sind ältere Menschen mit mehreren chronischen Grunderkrankungen.
Diese Multimorbidität schränkt ältere Menschen Menschen
in ihren Alltagsaktivitäten ein. Im Bethanienkrankenhaus-Geriatrisches
Zentrum (GZB) Heidelberg beträgt das Durchschnittsalter der Patienten 82 Jahre!
Diese Menschen sind häufig nur eingeschränkt belastbar, da viele unter
kardialen oder pulmonalen Problemen leiden.
Theorie des Sprachverständnisses (SV):
Das Weltwissen, das
semantische/kognitive System (siehe Logogen-Modell)
ist bei jüngeren Aphasikern intakt, lediglich die Sprachverarbeitung ist
betroffen. Genau dies ist aber bei geriatrischen Patienten keineswegs
garantiert.
Neben den Bottom-Up-Prozessen, welche das
linguistisch-sprachsystematische Analysieren repräsentieren, können wir unser Weltwissen als Top-Down-Prozess
in das Sprachverstehen einbringen. Laut J. Tesak
(2006) spielen Top-Down-Strategien für das Verstehen
von syntaktisch weniger komplexen Sätzen eine wesentliche Rolle.
Patienten in der
Geriatrie haben jedoch mehrere Grunderkrankungen. Nicht selten sind bereits
früher Ereignisse im Gehirn aufgetreten,
die kognitive Leistungen (z.B. Aufmerksamkeitsleistungen, Merkfähigkeit,…)
beeinträchtigten. Vielleicht liegt zusätzlich eine der Demenzformen vor. Es
gibt viele Gründe, warum aktuell ihr Sprachverstehen leidet, auch das
Weltwissen ist u.U. in Mitleidenschaft gezogen.
Dies wird bei der
Befunderhebung von SV-Problemen ebenso zu berücksichtigen sein wie bei der
therapeutischen Zielsetzung und Methodenwahl.
Außerdem
leiden ältere Menschen in der Regel
unter einer mehr oder weniger ausgeprägten Schwerhörigkeit und tragen eine
Zahnprothese. Auch das Sehen ist beeinträchtigt. Ein für die Geriatrie
taugliches Logogen-Modell müsste also um einige prä- und postlinguistische Komponenten ergänzt werden
(Brille, Hörgerät, Zahnprothese)...
Diagnostik von SV in der Geriatrie:
Lehrbücher der Geriatrie
empfehlen den AAT als Standard-Diagnostikum (Wettstein,
A., Conzelmann, M., Heiß, H.W.,
2001, Nikolaus, T,2000).
Sie
berücksichtigen aber nicht, dass der AAT lediglich für chronische Aphasien
sinnvoll ist. Schwerer wiegt die Tatsache, dass der AAT validiert
wurde mit einer wesentlich jüngeren Population als der geriatrischen
Zielgruppe.
Die Alterskorrektur
im Token Test ermöglicht es, ab 70 Jahren
unterschiedslos 6 Fehlerpunkte abzuziehen. Es stellt sich die Frage, welche
Aussagekraft AAT und Token Test bei einer Patientin
mit 85 oder mehr Lebensjahren haben (Bonillo, R., et
al., 2001, Eckold, M., Helmenstein,
Th., 2001)? Ebenso muss unter geriatrischen
Gesichtspunkten die Alltagsrelevanz einer solch ausführlichen
sprachsystematischen Diagnostik bezweifelt werden. AAT und Token
Test sind nicht immer das Mittel der Wahl. Eine sinnvolle Idee kann der Einsatz
von Teilen aus dem BMTDA (deutsche Fassung) sein, wissend, dass es sich hierbei
lediglich um ein orientierendes Verfahren handelt (Steinhagen-Thiessen,
E., Hanke, B. 2003).
Der AST (Kroker, C., 2000) ist ebenfalls
schnell durchführbar. Die Aphasie-Checkliste (ACL; Kalbe, E., Reinhold, N.,
Ender, U., Kessler, J., 2002) enthält auch ein
kognitives Screening und könnte zukünftig zur
Routinediagnostik gehören.
Manchmal muss man
aber akzeptieren, dass mangels gezielter
Untersuchbarkeit der Patienten SV-Probleme nur mit
Hilfe der gezielten interdisziplinären Beobachtung eingeschätzt werden können.
Therapie / günstiger Umgang mit SV-Problemen:
Es ist eine
Detektivarbeit, das prämorbide Leistungsvermögen
unserer Patienten zu ermitteln, dies gilt auch für die SV-Fähigkeiten.
Realistische Behandlungsziele bewahren Patienten, Angehörige und TherapeutIn vor unnötigem Frust.
Das
Sprachverständnis: wichtig wofür?: Das Wesentliche
auswählen
Führt man als TherapeutIn alle vorhandenen Defizite eines Patienten auf,
so ergibt sich eine (zu) große Anzahl von Behandlungszielen. Hier ist
Prioritätensetzung und Orientierung an realistischen Zielen essentiell.
In welcher
Lebenssituation befindet sich der Patient nach Entlassung?
Welche Ziele sind
IHM wichtig? Was bedeutet für IHN Lebensqualität?
Wen sollten wir im
Umgang mit der SV-Problematik schulen?
Soweit möglich,
wollen wir die vorher intakten Funktionen
wieder herstellen, dies ist aber in der Geriatrie häufig nicht mehr
möglich. Wir müssen Abstriche machen und Kompensationen anbieten, z.B. die
Angehörigen der Patienten zu kommunikativ günstigem Verhalten anleiten: Man
kann beispielsweise gezielt die Agens-Zuerst-Strategie
anwenden, oder Gedächtnisanforderung gezielt herunter schrauben durch kurze
Äußerungen (siehe z.B. „TEAMWORK“, Steiner, J., 2000).
Es bleibt
abschließend festzustellen, dass wir in der Geriatrie immer in ein einem Feld
mit eingeschränkten Möglichkeiten arbeiten.
Oberstes Ziel
unserer Bemühungen bleibt die Erhöhung der Lebenszufriedenheit des Patienten.
Literatur:
Steinhagen-Thiessen,
E., Hanke, B. (2003), Neurogeriatrie
auf einen Blick, Blackwell Verlag Berlin, Wien
Wettstein, A. (2001, 2. überarbeitete Aufl.) Checkliste Geriatrie, Georg Thieme Verlag,
Bonillo,
R., et al., Messen sprachlicher Leistungen
im Geriatrischen Assessment-Erfahrungen mit
dem Token Test, European Journal of Geriatrics 3 (2001), 37-40
Eckold,
M., Helmenstein,
Th., Der Token Test: ein
geeignetes Verfahren zum Screening sprachlicherLeistungen
im Geriatrischen Assessment?, European Journal of Geriatrics 3 (2001), 90-92
Steiner, J.,
Kommunikationsbeeinträchtigungen im Alter, Die Sprachheilarbeit 45 (2000),
20-25