Mundmotorische und oralstereognostische
Fähigkeiten von Kindern mit unterschiedlichen Aussprachestörungen
Alexa Debuschewitz
Praxis
für Logopädie Thomas Niemann, Eschweiler
Einleitung
Kinder mit Aussprachestörungen bilden keine homogene
Gruppe (Dodd, 2002; Fox, 2004), weshalb
eine mögliche linguistisch-deskriptive Klassifikation kindliche
Aussprache-störungen in phonetische und phonologische Störungen unterteilt. Da
bei diesen Kindern zuvor meist eine Einschränkung der an der Artikulation
beteiligten Muskeln vermutet wurde und sprachsystematische Defizite noch nicht
im Vordergrund standen, stellten mundmotorische und oralstereognostische
Übungen weit verbreitete Therapiebausteine dar. Bisherige Studien über
mundmotorische und oralstereognostische Fähigkeiten dieser Patientengruppe
zeigen jedoch höchst widersprüchliche Ergebnisse. Diese können eventuell darauf
zurückzuführen sein, dass noch nicht zwischen phonetischen und phonologischen
Auffälligkeiten unterschieden wurde und die Stichproben nicht vergleichbar bzw.
Mischformen vorhanden waren.
Daher wurde untersucht, ob sich Kinder mit
unterschiedlichen Aussprachestörungen auch in ihrer Mundmotorik und
Oralstereognose unterscheiden. Es wurde davon ausgegangen, dass nur die
phonetisch auffälligen Kinder, die nach Modellvorstellungen Defizite auf der
Ebene der motorischen Ausführung zeigen, schwächer sind als die Kontrollgruppe
normalsprechender Kinder. Allerdings wird dieser Aspekt in neueren Arbeiten
ebenfalls kritisch hinterfragt, da Patienten mit Artikulationsstörungen nicht
zwangsläufig Schwierigkeiten in der nonverbalen Willkürmotorik haben müssen
(Ziegler, 2002).
Methode
52 Kinder im Vorschulalter wurden in ihren
oralstereognostischen und mundmotorischen Fähigkeiten (Ozanne, 1992)
untersucht; anhand der PLAKSS (Fox, 2002) ergaben sich folgende
Teilstichproben: 21 normalsprechende, 17 phonetisch auffällige und 14
phonologisch auffällige Kinder. Darüber hinaus wurde das Sprachverständnis
geprüft.
Ergebnisse
Statistische Analysen zeigten keine Gruppenunterschiede
in den oralstereognostischen Untersuchungen. Die phonetisch auffälligen Kinder
schnitten jedoch im mundmotorischen Screening deutlich schlechter ab als die
Kontrollgruppe. Betrachtet man in Varianzanalysen das gesamte Screening, zeigen
die phonologisch auffälligen Kinder vergleichbare Ergebnisse wie die
Kontrollgruppe. Bei einfachen mundmotorischen Aufgaben waren sie jedoch
ebenfalls signifikant schwächer.
Diskussion
Die Ergebnisse sprechen zum einen dafür, dass sich
phonetisch auffällige Kinder nicht nur in der Sprechmotorik von
normalsprechenden Kindern unterscheiden, sondern auch in der Mundmotorik. Dies
kann ein Hinweis darauf sein, dass sich die beiden motorischen Systeme nicht
völlig unabhängig voneinander entwickeln. Die mundmotorischen Probleme in der
phonologisch auffälligen Gruppe sprechen für Modellvorstellungen, die
Interaktionen zwischen sprechmotorischen und phonologischen Fähigkeiten
postulieren.
Literatur
Debuschewitz, A. (2005).
Mundmotorische und oralstereognostische Fähigkeiten von Kindern mit
unterschiedlichen Aussprachestörungen. Unveröffentlichte Diplomarbeit: RWTH
Aachen.
Dodd, B. (2000). The
differential diagnosis and treatment of children with speech disorders (4.
Aufl.) London: Whurr Publishers.
Fox, A. (2002). PLAKSS –
Psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen. SWETS – Test Services.
Fox, A. (2004). Kindliche
Aussprachestörungen (2. Aufl.). Idstein: Schul-Kirchner Verlag.
Ozanne, A. (1992).
Normative data for sequenced oral movements and movements in context for
children aged three to five years. Australian Journal of Human Communication
Disorders, 20, 47 – 63.
Ziegler, W. (2003). Zur
Anatomie sprechmotorischer Kontrollfunktionen. Forum Logopädie, 17 (2), 6-13.