Schwere Sprachentwicklungsstörungen bei ein- und mehrsprachig erzogenen Kindern

Christina Freude (1), Hermann Schöler (2), Annerose Keilmann (1)

1 Klinik und Poliklinik für HNO und Kommunikationsstörungen der Universitätsklinik Mainz

2 Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät I, Institut für Sonderpädagogik, Psychologie in der Fachrichtung Lernbehindertenpädagogik, Heidelberg

Ziele. Sowohl ein- als auch mehrsprachig erzogene Kinder entwickeln Sprachentwicklungsstörungen (SES). Wir untersuchten, ob sich für mehrsprachig erzogene SES-Kinder (SES-M) im Vergleich zu einsprachig erzogenen sprachentwicklungsgestörten Kindern (SES-E) ein typisches Muster von sprachlichen Leistungen sowie von Teilleistungsstörungen nachweisen lässt, was auch Konsequenzen für die Diagnostik und nachfolgend für eine Therapie haben könnte.

Methode. Eine Gruppe von bisher 203 fünf- und sechsjährigen Kindern (SES-E: n=136; SES-M: n=67) mit einer schweren Sprachentwicklungsstörung wurde anhand von IDIS (Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten) untersucht. Es wurden sprachliche Leistungen auf der phonetisch-phonologischen, der semantisch-lexikalischen, der morphologisch-syntaktischen und der pragmatischen Ebene, die Hörmerkspanne und die visuelle Merkspanne, auditive und visuelle Wahrnehmungs- und fein- und grobmotorische Leistungen sowie die Intelligenz erfasst.

Ergebnisse. Beide Gruppen unterschieden sich nicht in Alter, Geschlecht, nonverbalem IQ (CPM, SON), motorikfreier visueller Wahrnehmung, visuellem Gedächtnis, Motorik und  rhythmischen Leistungen.

Bei den sprachlichen Leistungen zeigten die SES-M ausgeprägtere Defizite: die Leistungen im Sprachverständnis (Reynell), im aktiven Wortschatz (AWST) und der Grammatik (DM, SM, MM, SU und EK aus IDIS, Schöler, 1999) waren signifikant schlechter als bei den SES-E.

Die einsprachig erzogenen SES-Kinder zeigten hingegen signifikant ausgeprägtere Leistungsdefizite in Bereichen, die bei spezifisch sprachentwicklungsgestörten Kindern typischerweise problematisch sind (Keilmann et al., 2000): die Visuomotorik als Teilbereich der visuellen Wahrnehmung und die Hörgedächtnisspanne für sinnlose Silben. Auch die Hörgedächtnisspanne für Zahlen ergab eine nicht signifikante Tendenz in diese Richtung.

Auf der der phonetisch-phonologischen Ebene waren die Defizite bei der Lautbeherrschung bei den einsprachig erzogenen Kindern signifikant ausgeprägter, bei der Lautdiskrimination ergab sich hingegen kein Unterschied.

Schlussfolgerungen. Trotz gleicher allgemeiner Voraussetzungen (z. B. Intelligenz, Motorik) weisen mehrsprachig erzogene SES-Kinder ausgepägtere sprachliche Defizite auf der semantisch-lexikalischen und der morphologisch-syntaktischen Ebene auf, was vermutlich auf das geringere Sprachangebot in der deutschen Sprache zurückzuführen ist. Die Therapie muss sich also bei den Mehrsprachigen stärker auf diese Inhalte richten.

 

Literatur:

 

Keilmann, A., Schöler, H. & Heinemann, M. (2000). Zur Differentialdiagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen. In M. Gross (Hrsg.), Aktuelle Phoniatrisch-Pädaudiologische Aspekte 1999/2000, Heidelberg: Median-Verlag (S. 176-180).

Schöler, H. (1999). IDIS  Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten, Heidelberg: Edition Schindele im Universitätsverlag C. Winter.