Klinische Umsetzung der ICF am Beispiel Aphasie
Holger Grötzbach
Asklepios
Klinik, Schaufling
Einleitung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat mit der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit; dimdi, 2002) ein Modell entwickelt, das in Deutschland zu einigen Konsequenzen geführt hat: Sie ist in die Sozialgesetzgebung (Sozialgesetzbuch IX), in die Rehabilitationsrichtlinien sowie in die Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln eingegangen. Das Neue an der ICF ist, dass sie Erkrankungen als ein Zusammenspiel bio-psycho-sozialer Faktoren erfasst. Damit erweitert die ICF die traditionellen medizinischen Modelle, in denen Krankheiten als bloße Schädigungen des Organismus beschrieben werden. Im Gegensatz dazu stehen in der ICF die erkrankten Personen mit ihren Behinderungen, aber auch mit ihren Ressourcen im Mittelpunkt des Interesses. Es wird nicht mehr länger nur nach der Ätiologie einer Erkrankung oder nach einem Syndrom gefragt, sondern vor allem nach den Lebensbereichen und den individuellen Zielen der Betroffenen. In der ICF geht es damit weniger um die Wiederherstellung oder „Reparatur“ beeinträchtigter Funktionen, als vielmehr darum, Betroffenen eine Teilhabe an gewünschten Lebensbereichen trotz bestehender Behinderungen zu ermöglichen (Rentsch & Bucher, 2005).
Auswirkung der ICF
auf den Bereich Aphasie
Die ICF wirkt sich mehrfach auf den Bereich Aphasie aus. Zunächst führt ihre Anwendung dazu, den Begriff „Aphasiker“ aufzugeben. Denn dieser Begriff bezieht sich ausschließlich auf ein Syndrom, während die Person, um die es in der ICF geht, hinter dem Syndrombegriff völlig verschwindet. Außerdem greift die ICF in die Diagnose von Aphasien ein: Die Hauptaufgabe in der Diagnostik liegt nach der ICF nicht länger darin, ein Aphasiesyndrom zu bestimmen, sondern die Auswirkungen der Sprachstörung auf den Alltag eines Patienten zu beschreiben. Damit ist zu klären, welche (sprachlichen) Symptome der Teilhabe an einem gewünschten Lebensbereich im Wege stehen. Die ICF beeinflusst auch die Definition logopädischer Ziele. Von Symptomen abgeleitete Therapieziele (z. B. die Anzahl phonematisch bedingter Paraphasien zu verringern) haben in der ICF nur noch einen geringen Stellenwert. Stattdessen erhalten die Lebensziele der Betroffenen (z. B. den Enkeln wieder ein Märchen vorlesen zu können) ein besonderes Gewicht. Sie müssen mit dafür geeigneten Fragen zuerst erhoben und dann in überprüfbarer Form definiert werden (Grötzbach, 2004). Die ICF wirkt sich weiter auf die Therapieinhalte aus: Während die Bedeutung sprachstruktureller Therapien abnimmt, nimmt der Stellenwert sprachpragmatisch orientierter Therapien zu. Dabei stehen vor allem diejenigen Therapiemethoden im Vordergrund, die zu einer Verbesserung alltagssprachlicher Fähigkeiten führen. Schließlich bedingt die Umsetzung der ICF eine veränderte Arbeitsorganisation. Da ein Patient in der Regel nicht nur (Lebens)-Ziele verfolgt, die sich allein mit sprachtherapeutischen Mitteln erreichen lassen, muss eine Zusammenarbeit aller medizinisch-therapeutischer Berufsgruppen gewährleistet sein. Eine hierarchische Organisationsform, die vom Arzt dominiert wird und in der die Therapeuten lediglich nach Anweisung arbeiten, wird diesem Anspruch nicht gerecht. Dagegen führen vernetzte Organisationsstrukturen mit einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu einer patientenzentrierten (ICF-kompatiblen) Rehabilitation.
Erfahrungen mit ICF-basierter Rehabilitation
In der neurologischen Abteilung der Asklepios Klinik Schaufling wurde vor drei Jahren damit begonnen, die ICF als Grundlage für die Rehabilitation einzuführen. Dazu wurden in einem ersten Schritt alle MitarbeiterInnen im Umgang mit der ICF geschult. In einem zweiten Schritt wurde die gesamte Dokumentation (der Aufnahmebefund, das Teamprotokoll und der Entlassungsbericht) nach ICF-Kriterien überarbeitet. Gleichzeitig fanden Fortbildungen statt, in denen es um die Definition ICF-basierter Therapieziele ging. Ein abschließender Schritt bestand aus einer Reorganisation der interdisziplinären Teamarbeit. Jedes Team wird jetzt von einem „Teammanager“ geleitet, der aus dem nicht-ärztlichen Bereich kommt. Zu den Aufgaben des Teammanagers gehört es auch, die ICF-Prinzipien im Stationsalltag umzusetzen.
Nach unseren Erfahrungen dauert es ca. ein bis eineinhalb Jahre, bis die ICF zur klinischen Routine wird. Widerstände gegen die Einführung der ICF resultierten zum einen aus der Sorge, noch mehr Zeit für den „Papierkram“ aufwenden zu müssen und dadurch noch weniger Zeit für die Patienten zu haben. Zum anderen war es nicht für alle medizinisch-therapeutischen Berufsgruppen gleichermaßen einfach, sich an dem interdisziplinären Teamkonzept zu beteiligen. Letztlich befürchteten einige, über die Arbeit an gemeinsam formulierten Therapiezielen einen Teil ihrer professionellen Identität zu verlieren. Zugegebenermaßen sind in unserer Abteilung noch nicht alle Widerstände überwunden worden. Da es zur ICF als Grundlage für eine moderne Rehabilitation jedoch keine Alternative gibt, werden wir auch weiterhin an der ICF als Leitgedanken für unsere Arbeit festhalten.
Literatur:
dimdi
(2002) Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und
Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). www.dimdi.de
Grötzbach,
H. (2004) Zielsetzung in der Aphasietherapie. Forum Logopädie, 18 (5), 12 – 16
Rentsch,
H.-P. & P. O. Bucher (2005) ICF in der Rehabilitation. Schulz-Kirchner:
Idstein