Verbstellung in der Zweitsprache Deutsch
Prof. Dr. Stefanie Haberzettl
Universität
Bremen, FB 10, Bremen
Welche Schwierigkeiten
beim Lernen einer zweiten Sprache durch Kinder mit Migrationshintergrund sind
„normal“, welche stellen möglicherweise einen Hinweis auf eine gestörte
Sprachentwicklung dar? Für die Beantwortung dieser Frage sind Dokumentationen
von Erwerbsverläufen hilfreich, die zum Vergleich mit den jeweiligen
Sprachdaten eines zu diagnostizierenden Kindes herangezogen werden können. Auch
die entsprechenden Fördermaßnahmen für Kinder mit „normalen“ oder auch
besonderen Lernproblemen lassen sich nur dann gezielt konzipieren, wenn sie auf
Ergebnisse der Grundlagenforschung zum ungesteuerten Zweitspracherwerb
zurückgreifen können. Solche liegen insbesondere zu kindlichen Lernern noch
nicht in ausreichendem Umfang vor, und die im Vortrag vorgestellte Studie
(Haberzettl 2005) möchte zum Schließen dieser Lücke beitragen. Detailliertes
Wissen über die kognitiven Aktivitäten und Strategien von Lernern, die sich
ohne Hilfe mit dem fremdsprachlichen Input auseinandersetzen und die grammatischen
Regularitäten inferieren, sowie über die überindividuell gültigen Erwerbsphasen
bzw. die Herausbildung sog. Interimsgrammatiken im Laufe dieser Lernprozesse
ist unbedingt notwendig. Der durch Förderunterricht oder individuell
therapeutisch gesteuerte Spracherwerb soll schneller, nicht anders ablaufen als
der sog. natürliche Erwerb. Die Progression in der Grammatikvermittlung darf
der natürlichen Progressionslogik nicht zuwiderlaufen.
Die im Vortrag
vorgestellte Studie untersucht die
natürliche Progression beim Erwerb eines wesentlichen Aspekts der deutschen
Satzstruktur, der Verbstellungsregularitäten, durch je zwei Grundschulkinder
mit Muttersprache Türkisch bzw. Russisch (vgl. auch Kroffke/Rothweiler i.Dr.,
Rothweiler 2006). Türkisch ist eine nicht-indoeuropäische altaische OV-Sprache
(sie weist die Abfolge Objekt-Verb auf), Russisch ist indoeuropäisch und
slawisch mit VO, Deutsch indoeuropäisch und germanisch mit VO im Hauptsatz und
OV im Nebensatz sowie bei der Verbklammer (auch hier, z. B. in Er will Äpfel
essen, steht das lexikalische Verb nach dem Objekt). Durch die deutlichen
Unterschiede zwischen diesen Sprachen kann die seit langem diskutierte Rolle der
Muttersprache beim Erwerb einer Zweitsprache besonders gut geprüft werden. In
der Tat sind die beobachteten Erwerbssequenzen von der jeweiligen Erstsprache
beeinflusst: Die Lerner mit der OV-Erstsprache Türkisch übergeneralisieren
zunächst die Verbletztstellung (Katze Maus essen), die jedoch schnell, aufgrund
der massiven Gegenevidenz aus dem Input, von zielsprachlich korrekten
VO-Abfolgen abgelöst wird (Katze essen Maus). Sobald komplexe Verbformen belegt
sind, werden sie in der zielsprachlich korrekten Verbklammer, also in
Distanzstellung realisiert (Die Katze hat die Maus gegessen). Ebenso weisen
Nebensätze vom ersten Beleg an zielsprachlich korrekte Verbletztstellung auf
(dass die Katze die Maus isst).
Dagegen produzieren die
Lerner mit der VO-Erstsprache Russisch zwar von Anfang an für deutsche
Hauptsätze korrekte VO-Abfolgen. Allerdings haben sie in der Folge Probleme mit
der Verbklammer (die Katze hat gegessen die Maus) sowie mit Verbletzt im
Nebensatz (dass die Katze isst die Maus).
Aus Ergebnissen wie
diesen lassen sich unmittelbar Schlüsse für Fördermaßnahmen ableiten. Wenn
Lerner nicht über genügend Input verfügen oder wenn sie aufgrund ihres
muttersprachlichen Vorwissens Gefahr laufen, diesen Input falsch zu
analysieren, kann im Unterricht durch die Präsentation eigens präparierter
Stimuli Abhilfe geschaffen und die Eigenaktivität der Lerner unterstützt
werden. So weisen die Ergebnisse der vorgestellten Studie darauf hin, dass
russischsprachige DaZ-Lerner daran gehindert werden sollten, zu lange an ihrer
VO-Ausgangshypothese festzuhalten – etwa durch frühzeitige Konfrontation mit
Verbletztstellungen. In derzeit verwendeten Lehrwerken für Deutsch als Zweit-
bzw. Fremdsprache z.B. werden solche Äußerungsstrukturen oft zu spät angeboten.
Die Ergebnisse zeigen
aber auch, dass sog. Fehler wie die OV-Äußerungen der türkischsprachigen
Lerner zu Beginn des Erwerbsprozess nicht nur leicht zu erklären, sondern auch
notwendig (und in diesem speziellen Fall offenkundig sogar von Vorteil) sind,
da der Weg zur Zielgrammatik eben zwangsläufig über Interimsgrammatiken mit
einer ihnen eigenen Logik verläuft. Es ist notwendig, dies bei einer etwaigen
Fehlerkorrektur zu bedenken, da eine zu frühe und zu strenge Korrektur
erwiesenermaßen die eigenaktiven Erkenntnisprozesse der Lerner nicht
unterstützt, sondern hemmt (vgl. Diehl 2000).
Literatur:
Diehl, Erika/Christen, Helen/Leuenberger, Sandra/Pelvat, Isabella/Studer, Thérèse (2000):
Grammatikunterricht: Alles für der Katz? Untersuchungen zum Zweitspracherwerb
Deutsch. Tübingen: Niemeyer.
Haberzettl, Stefanie (2005): Der Erwerb der
Verbstellungsregeln in der Zweitsprache Deutsch durch Kinder mit russischer und
türkischer Muttersprache. Tübingen: Niemeyer.
Kroffke, Solveig/Rothweiler,
Monika (i.Dr.): Variation im frühen Zweitspracherwerb des Deutschen durch
Kinder mit türkischer Erstsprache. In: Vliegen, Maurice (Hg.), Variation in Sprachtheorie und Spracherwerb.
Frankfurt/M., Berlin: Lang.
Rothweiler, Monika (2006): The acquisition of V2 and
subordinate clauses in early successive acquisition of German. In: Lleó,
Comxita (ed.), Interfaces in Multilingualism: Acquisition, representation
and processing. Amsterdam: John Benjamins, 93-115.