Beeintraechtigung konzeptueller Prozesse bei Aphasie

Tabea G. Kuehn,

School of ECLS (Speech) University of Newcastle upon Tyne,

 

Nach der klinischen Auffassung stellen aphasische Symptome meist ein selektives Defizit verbaler Prozesse dar. Non-verbale, konzeptuelle Verarbeitung wird als unbeeintraechtigt angenommen. Diese Auffassung wurde fuer nicht-fluessige Aphasien bestaetigt (siehe z.B. Chertkow et al, 1997). Fuer fluessige Aphasien dagegen, wird eine Untergruppe der Patienten beschrieben, die ein non-verbales, konzeptuelles Defizit aufweist. Dieses kann nicht auf intellektuelle Beeintraechtigungen zurueckgefuehrt werden (siehe z.B. Chertkow et al (1997)).

Sowohl Bierwisch & Schreuder (1992), als auch Levelt et al (1999) postulieren in ihren Netzwerk-Simulationsmodellen eine separate non-verbale, konzeptuelle Verarbeitungsebene, die die Grundlage fuer jegliche bedeutungstragende Sprachproduktion darstellt.

Es wurde eine Studie mit 20 englischsprachigen Patienten mit fluessiger Aphasie und 47 gesunden Kontrollpersonen mit aehnlicher Altersstruktur durchgefuehrt. Ziel der Studie war es, die konzeptuell-semantische und lexikalisch-semantische Verarbeitung und deren gegenseitige Beeinflussung in dieser Patientengruppe naeher zu erforschen. Bei den konzeptuell-semantischen Aufgaben wurden den Patienten Umweltgeraeusche, rotierende Silhouetten, pantomimische Alltagsbeschaftigungen, oder Farben praesentiert, die sie bildlichen Darstellungen zuordnen mussten. Diese setzten sich aus einem Zielitem und drei Ablenkern zusammen. Die lexikalisch-semantischen Aufgaben erforderten das Benennen aller Items aus oben aufgeführten Untersuchungen. Zusaetzlich mussten lexikalische Multiple-Choice Fragen zu Sprachkonventionen, z.B. Sammelbegriffe (z.B. eine Herde Kuehe, eine Schale Erdbeeren) oder Fortbewegungsverben fuer Tiere (z.B. ein Hund laeuft, ein Pferd galloppiert) beantwortet werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass neben den verbalen Beeintraechtigungen bei einigen der aphasischen Testpersonen non-verbale Defizite auftreten. 12 der 20 Patienten zeigen in mindestens einem, aber meist drei oder mehr, non-verbalen Tests signifikante Defizite im Vergleich zur Kontrollgruppe. Dagegen hatte keiner der Patienten Defizite in Raven’s Colourful Matrices (Raven, 1965) aufgewiesen, durch welchen non-verbale intellektuelle Fähigkeiten abgeprüft werden. Die Beeintraechtigungen in den non-verbalen Tests koennen demnach nicht auf reduzierte intellektuelle Leistungen zurueckgefuehrt werden.

Diese Ergebnisse widersprechen der landlaeufigen Auffassung, dass es sich bei Aphasien um eine Beeintraechtigung der Sprachfunktionen allein handelt. Vielmehr bestaetigen sie die frueheren Studien von Chertkow und Kollegen, die von non-verbalen Defiziten in einer Untergruppe von Patienten mit fluessiger Aphasie berichten.

Ein weiteres Ergebnis der vorliegenden Studie ist, dass gestoerte konzeptuell-semantische Verarbeitung von einem gleichermassen ausgeprägtem, oder staerkerem Defizit in verbalen Aufgaben begleitet wird.  Die Studie zeigt allerdings auch, dass der Umkehrschluss nicht zulässig ist. So kann bei beeinträchtigten verbalen Prozessen, die konzeptuelle Verarbeitung sehrwohl intakt sein.

Eine Studie von Cohen et al (1980) stellt eine Verbindung zwischen Sprachstoerung und konzeptuellem Defizit, vor allem in fluessigen Aphasien fest. Den Autoren war es allerdings nicht moeglich zu entscheiden, ob die gestoerte Sprachfaehigkeit der Patienten die konzeptuelle Kapazitaet beeintraechtigt; oder ob ein konzeptuelles Defizit die Ursache der Sprachstoerung ist. Baldo et al (2005) postulieren, dass verbale Vermittlung notwendig ist, um Konzepte zu manipulieren und um verdecktes Problemloesen zu unterstuetzen. Meine Studie belegt hingegen, dass konzeptuelle Verarbeitung und deren Defizite einen unweigerlichen Einfluss auf verbale Produktionsprozesse haben.

Es scheint unabdingbar, dass konzeptuelle Prozesse in unsere Modelle der Sprachverarbeitung eingeschlossen werden muessen. Waehrend nicht jeder Patient mit Aphasie non-verbale, konzeptuelle Defizite aufweisst, ist die Erwaegung einer solchen Moeglichkeit fuer eine Untergruppe der aphasischen Patienten von Bedeutung. Die Beachtung einer moeglichen non-verbalen, konzeptuellen Stoerung neben der Sprachstoerung kann Theorie und Therapie der Aphasien grundlegend verbessern.

 

 

 

 

Literatur:

 

Baldo, J. V., Dronkers, N.F., Wilkins, D., Ludy, C., Raskin, P., Kim, J. (2005). "Is problem solving dependent on language?" Brain and Language 92: 240-250.

Bierwisch, M., Schreuder, R. (1992). "From concepts to lexical items." Cognition 42: 23-60.

Chertkow, H., Bub, D., Whitehead, V. (1997). "On the status of object concepts in aphasia." Brain and Language 58: 203-232.

Cohen, R., Kelter, S., Woll, G. (1980). "Analytical competence and language impairment in aphasia." Brain and Language 10: 331-347.

Levelt, W. J. M., Roelofs, A., Meyer, A.S. (1999). "A theory of lexical access in speech production." Behavioral and Brain Sciences 22: 1-75.