Dyadische Kommunikation sprachentwicklungsgestörter
Kinder –
Aspekte der Diagnostik und Therapie
Beate Lingnau, HD Dr. Martina Hielscher-Fastabend
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft,
Universität Bielefeld
Sprachentwicklungsgestörte
Kinder (SES-Kinder) sind nicht nur in ihren formal sprachlichen- sondern auch
in ihren pragmatischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Das zeigt sich besonders im
Umgang mit anderen Kindern (Marton, Abramoff & Rosenzweig, 2005).
Gerade im
Vorschulalter nehmen die Spiele mit anderen Kindern aber eine sehr wichtige
Rolle für die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten ein (Andresen,
2002).
Der Aspekt der
Kind-Kind-Kommunikation sprachentwicklungsgestörter Kinder im Vorschulalter
wurde bisher kaum systematisch unter linguistischen Aspekten untersucht. Auch
in den aktuellen Therapieansätzen findet er wenig Berücksichtigung.
Die Zentrale
Fragestellung der Studie lautet daher:
Kann die
Therapie sprachentwicklungsgestörter Kinder in Dyaden eine wirksame Ergänzung
zur herkömmlichen Einzeltherapie sein?
Da es noch keine
grundlegenden Daten zur Kind-Kind-Kommunikation der SES-Kinder gibt, wird
zunächst eine deskriptive Untersuchung der kindlichen Kommunikation durchgeführt.
Unterschiedlichen Situationen mit wechselnden Spielpartnern (Erwachsener-Kind vs. Kind-Kind) werden unter vielfältigen
linguistischen Aspekten untersucht. Eine Gruppe sprachlich normal entwickelter
Kinder dient als Kontrollgruppe.
Vorläufige Ergebnisse
Es zeigt sich,
dass die SES-Kinder weniger komplexe aber signifikant mehr fehlerhafte
Äußerungen produzieren. Metasprachliche Äußerungen kommen signifikant häufiger
in der Kontrollgruppe vor.
Auch in der
vorliegenden Studie kann bestätigt werden, dass die Defizite der SES-Kinder
nicht nur im grammatischen, sondern auch im pragmatischen Bereich liegen. Die
Planung eines Spiels oder die Herstellung von fiktiven Situationen scheint den
SES-Kindern schwer zu fallen. Dabei machen gerade diese metasprachlichen Äußerungen
einen sehr großen Anteil der Spielsituationen sprachlich normal entwickelter
Vorschulkinder aus (Auwärter, 1983).
Die
sprachlichen Leistungen der SES-Kinder variieren in den unterschiedlich angelegten
Situationen stark. Während es in freien Spielsituationen kaum Differenzen zur
Kontrollgruppe gibt, zeigen sich in stärker strukturierten Situationen
signifikante Unterschiede.
Die Ergebnisse
legen nahe, dass SES-Kinder in einem geschützten Rahmen wie der dyadischen
Situation, sowohl das Bedürfnis als auch die Fähigkeit haben, mit anderen
Kindern spielerisch zu kommunizieren. Es scheint aber sehr von den Anforderungen
der gegebenen Situation abhängig zu sein, inwieweit sie in der Lage sind, ihre
sprachlichen Fähigkeiten adäquat einzusetzen.
Um einen
Transfer grammatischer und pragmatischer Fähigkeiten in den kindlichen Alltag
zu gewährleisten, erscheint es sinnvoll, die Kind-Kind Kommunikation in die
Therapie von SES-Kinder zu integrieren.
Auf Grundlage
der Daten sollen aufbauend auf vorhandenen Therapieansätzen Prinzipien für eine
sinnvolle Förderung der Kinder in Dyaden oder kleinen Gruppen entwickelt
werden. Der Schwerpunkt dieser Förderung liegt auf der Verbesserung der
pragmatischen Fähigkeiten im Umgang mit anderen Kindern.
Literatur:
Andresen, H. (2000). Interaktion,
Sprache und Spiel: Zur Funktion des Rollenspiels für die Sprachentwicklung im
Vorschulalter. Tübingen: Narr.
Auwärter, M. (1983). Kontextualisierungsprozesse für Äußerungen bei Kindern unterschiedlicher Entwicklungsstufen.
In Dietrich Boueke & Wolfgang
Klein (Hrsg.), Untersuchungen zur Dialogfähigkeit von Kindern. Tübingen:
Narr.
Marton, K., Abramoff, B. &
Rosenzweig, S. (2004). Social cognition and language in
children with specific language impairment (SLI). Journal of
Communication Disorders, 38, 143-162.