Probleme
der logopädischen Diagnostik und Therapie
bei
mehrsprachigen Kindern
Michael G. Mitroviç,
M.A., Jana Odenthal
Bremen
In vielen
deutschen Kindergärten und Schulen sind mittlerweile monolinguale Kinder in der
Minderzahl. Auf der ganzen Welt ist Bi- oder Multilingualität der Normalfall.
Das deutsche Bildungssystem ist allerdings in keiner Weise darauf vorbereitet,
nicht oder schlecht deutsch sprechende Kinder in optimaler Weise zu deren
Zweitsprache Deutsch zu verhelfen. Weder ErzieherInnen noch LehrerInnen
besitzen ausreichende Kenntnisse über die natürlichen Mechanismen des
Zweitspracherwerbs und seine potentiellen Gefährdungen, von den Kinderärzten
ganz zu schweigen.
Aber selbst die
Ausbildung zum Logopäden enthält bis jetzt keine obligatorischen Bausteine zu
Themen wie: kontrastive Linguistik, Interferenzerscheinungen, Bedingungen des
Zweitspracherwerbs. Und das, obwohl der Anteil der Patienten nichtdeutscher
Herkunft in vielen Praxen bzw. Spezialeinrichtungen nicht zu vernachlässigen
ist.
Die kontrastive
Linguistik beschäftigt sich mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen
Sprachen oder Dialekten. Interferenzen treten auf, wenn Regeln der einen
Sprache in die andere übernommen werden bzw. das muttersprachliche System als
Ausgangspunkt dient, wobei es unter anderem auch zu den “falschen Freunden”
kommt wie: “Can You English?” (deutschzentrierter Englischerwerb) - “Gehst du
Stadt?” (türkischzentrierter Deutscherwerb) u.ä.
Besonders was
den Stellenwert der Muttersprache von Migrantenkindern in Kinder-garten und
Schule betrifft, besteht bis heute auch unter LehrerInnen und ErzieherInnen
keine Klarheit, es überwiegen nach wie vor Fragen.
Wozu auch
sollten sich Logopäden mit anderen als
der deutschen Sprache beschäftigen, wo doch ihre Patienten die deutsche Sprache
möglichst unauffällig sprechen sollen?
Einige Beispiele
aus der täglichen Praxis mögen die Problematik erhellen:
1) Die Eltern der 5;6
jährigen E. haben vom Kinderarzt ein Rezept für Logopädie bekommen. Der
Erzieherin im Kindergarten fiel auf, daß sie nur [x] = ch2 benutzte, auch in
Umgebungen nach vorderen Vokalen, Lateral und Nasalen: [ç] > [x] [‘ixa:bemilx]. Es gelingt jedoch nicht,
innerhalb eines Vierteljahres, das ch1 [ç] anzubahnen. Dies sollte nicht allzu
sehr verwundern: E. besucht seit einem halben Jahr den Kindergarten, sie lebt
seit einem Jahr in Deutschland. Ihre Muttersprache ist Russisch, wo es nur ein
ch-Phonem gibt, eben das velare [x]. Die hintere Konsonantenreihe im Russischen
ist bedeutend spärlicher funktional besetzt als im Deutschen: drei russischen
stehen maximal sechs deutsche gegenüber. Während die deutschen hinteren
Konsonanten nochmals in drei bzw. vier Untergruppen : postpalatal - velar
-uvular - glottal unterteilt werden können, werden alle drei russischen velar
gebildet. Somit dürfte klar sein, daß es bei E. nicht nur darum geht, das
postpalatale [ç] anzubahnen, sondern die russische velare Reihe grundsätzlich
in die drei/vier funktionalen deutschen aufzuspalten.
2) Die Eltern des 5;1
jährigen Y. machen sich große Sorgen, weil ihr Sohn von den anderen Kindern
kaum verstanden wird. Er spricht sehr undeutlich und äußert sich
vorwiegend in grammatisch unkorrekten
2-3 Wortäußerungen. [bu:xsao] = “Buch anschauen” [ma:levolenaox] = “Malen wollen auch” [phuphe]
= “Puppe” Die dentialveolaren und palatalen Frikative werden durchgängig
retroflex, die Plosive zum Teil auch aspiriert artikuliert, was die
Verständlichkeit erheblich beeinträchtigt. Sein Wortschatz ist sehr gering,
obwohl es sich um ein interessiertes und wachsames Kind handelt. Die
Therapiefortschritte sind nicht sehr groß .Y. lebt seit etwa einem Jahr in
Deutschland. Seine Eltern sprechen mit ihm in ihrer Muttersprache chinesisch,
deutsch beherrschen sie nicht. Mit dem Kindergartenpersonal sprechen sie
englisch. Das chinesische Phonemsystem unterscheidet sich fundamental vom
deutschen. Außer den drei Reihen labial - dental - velar existiert eine vierte
der retroflex gebildeten Affrikaten und Frikative. Außerdem ist die Aspiration
in allen vier Reihen phonologisch relevant. Flexion existiert im Chinesischen
überhaupt nicht, Verben besitzen sozusagen nur eine Form, ebenso wie Nomen oder
Adjektive.Y. ist im Kindergarten auch deshalb so passiv, weil die Eltern ihm
ihren eigenen Erziehungsvorstellungen gemäß sagen, er möge nur das tun, was die
“Lehrerin” ihm sagt und nicht eigeninitiativ werden, das gehöre sich nicht. Auf
diese Weise ist Y. kaum in Interaktionen im Kindergartenalltag eingebunden, er
wartet artig, bis jemand an ihn herantritt. Sein Chinesisch ist im übrigen
altersgemäß, d.h. er kann auch bereits einige Charaktere schreiben und lesen:
Die Beispiele
lassen sich beliebig vermehren, auf allen linguistischen Ebenen stoßen wir auf
Interferenzerscheinungen , in den wenigsten Fällen handelt es sich um eine
Sprachentwicklungsverzögerung oder eine Störung im eigentlichen Sinne. Die
Kinder gehören nicht zum Logopäden (es sei denn, die Krankenkassen erklären
sich bereit, den Zweitspracherwerb von Migrantenkindern mitzufinanzieren !).Die
Kinder befinden sich vielmehr in ganz normalen Lernerstadien, in denen sie ihr
muttersprachliches Phonemsystem noch nicht entscheidend aufgebrochen haben, um
die Differenzierungen der Zweitsprache wahrzunehmen, ihr muttersprachliches
System der grammatischen Regularitäten noch als Matrix benutzen, um Vorgänge zu
versprachlichen und ihr semantisches Bezugssystem der Muttersprache noch als
einziges Beschreibungsmodell der außersprachlichen Wirklichkeit benutzen.
Welche
Kompetenzen besitzen nun aber LogopädInnen, ErzieherInnen und verwandte
Berufsgruppen, um das sprachliche Verhalten von Migrantenkindern zu beurteilen?
Welche
Informationen können sie gewinnen, welche bleiben ihnen in der Regel verborgen
?
Außer
Beobachtung und Anamnese könnten sie Expertisen einholen, um eine Diagnostik zu
erstellen. Aber: sie besitzen in der Regel keine spezifischen
Fremdsprachenkenntnisse (z.B. Russisch, Arabisch, Bosnisch, Türkisch, Kurdisch,
Akan ...) noch metasprachliches Wissen über diese Sprachen sie haben kaum
Kenntnisse über die Kultur (Verhaltensweisen, Interaktionsstile...) der Länder,
aus denen ihre Patienten kommen sie haben keine Kenntnisse der wichtigsten
Interferenzerscheinungen zwischen der deutschen und der jeweiligen
Muttersprache.
These 1: Nur wer die
deutsche Sprache in ausreichendem Maße beherrscht und mit den allgemein
gebräuchlichen Interaktionsformen vertraut ist, ist in der Lage, deutsch
erwerbende Kinder angemessen zu unterstützen bzw. zu therapieren. Daraus folgt
These 2: Nur wer eine
Sprache X beherrscht und mit den allgemein gebräuchlichen Interaktionsformen
vertraut ist, kann die Sprache X erwerbende Kinder unterstützen.
These 3: Im Vorschul- als
auch im Schulbereich sollte nach längst bekannten Ergebnissen aus der
Sprachlehrforschung der Muttersprache die größte Bedeutung zukommen. Ohne
fundierte Kompetenzen in der Muttersprache wird die Zweitsprache nur
unvollständig erworben.
These 4: LogopädInnen ohne
Grundkenntnisse im Russischen, Türkischen, Arabischen sowie in den allgemein
gebräuchlichen Interaktionsformen sind nicht in der Lage, russische, türkische,
arabische Kinder auf dem Weg zum Deutschen in optimaler Weise angemessen zu
unterstützen.
Analoge
Überlegungen müssen ebenfalls angestellt werden beim Gebrauch von Dialekten ,
die stark von der Hochsprache abweichen
bzw. bei zweisprachigen Aphasiepatienten, deren Muttersprache nicht
deutsch ist.
Literatur:
Apeltauer, E.:
Sprachliche Frühförderung von zweisprachig aufwachsenden türkischen
Kindern im
Vorschulbereich, Flensburg 2004
Fthenakis, W.E et al.: Bilingual-bikulturelle
Entwicklung des Kindes, München 1985
Huber, Lin M.A. -:
Kulturspezifischer Spracherwerb, Bern 1998