Sprachverständnisstörungen sind keine Blickdiagnose!
Die
praktische Relevanz eines bisher vernachlässigten Problems
Delia Möller
Poliklinik für Hör-, Stimm- und
Sprachheilkunde, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf
Das Sprachverständnis, also die nicht situative Zuordnung sprachlicher Zeichen zu Gegenständen oder Erscheinungen der objektiven Umwelt (Franke, 2001), geht den expressiven Sprachleistungen weit voraus. Insgesamt gilt, dass der Mensch mehr verstehen kann, als er zu produzieren in der Lage ist (Grimm, 2000). Daher werden bei Kindern, die aufgrund einer abweichenden Entwicklung der expressiven Sprache, z.B. Störungen der Artikulation, reduzierter Wortschatz, Dysgrammatismus, zur ärztlichen Untersuchung vorgestellt und logopädisch behandelt werden, häufig normale Sprachverständnisleistungen implizit angenommen oder allenfalls orientierend eingeschätzt. Wie zuverlässig solche subjektiven Einschätzungen sind und welche Relevanz Fehlurteile haben, ist Gegenstand einer Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Sprachverständnisstörungen sind zudem, insbesondere im Bereich der logopädischen Frühintervention, noch therapeutisches Neuland. Internationale Studien (z.B. Baxendale et al., 2003) konnten zeigen, dass besonders Kinder mit rezeptiven Einschränkungen von indirekten Therapieformen, wie sie Elterntrainings darstellen, profitieren. Der interaktionistische Ansatz „Schritte in den Dialog – Ein Eltern-Kind-Programm für Familien mit sprachentwicklungsverzögerten Kindern“ (Möller, 2005) wird daher am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zur Behandlung junger Kinder mit rezeptiver Sprachstörung eingesetzt.
Folgende Fragestellungen liegen o.g. Untersuchung zugrunde:
l
Wie groß ist der Anteil von
Sprachverständnisstörungen bei Kindern im Vorschulalter (2,0 – 5,11) in einer
klinischen Stichprobe?
l
Inwiefern stimmen die subjektive
Beurteilung rezeptiver Leistungen durch Eltern und Untersucher mit dem Ergebnis
eines standardisierten Prüfverfahrens überein?
l
Gibt es einen Zusammenhang
zwischen Einschränkungen im Sprachverständnis und Defiziten in anderen
Bereichen der allgemeinen Entwicklung?
l
Welche Konsequenzen ergeben sich
für die Therapie?
Literatur:
Baxendale, J., Hesketh, A. (2003). Comparison
of the effectiveness of the Hanen Parent Programme
and the traditional clinic therapy. Int. J. of Language and Communication Disorders,38
(4), 397-415.
Franke, U. (2001). Logopädisches Handlexikon.
6., überarb.
und erw. Aufl. München; Basel: Reinhardt
Grimm,
H. (2000). Sprachentwicklungstest für
zweijährige Kinder (SETK-2). Göttingen: Hogrefe.
Möller,
D. (2006). Schritte in den Dialog – Ein Eltern- Kind- Programm für Familien mit
sprachentwicklungsverzögerten Kindern. Forum Logopädie, 1 (20), S. 6 –
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