Der simultane Erwerb von Mehrsprachigkeit

Susanne Rieckborn

Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg

 

 

 

Ziel des Vortrags ist es, generelle Erkenntnisse aus der Mehrsprachigkeitsforschung sowie Ergebnisse des unter Leitung von J.M. Meisel durchgeführten Forschungsprojekts „Simultaner und sukzessiver Erwerb von Mehrsprachigkeit“ vorzustellen.

 

 

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob der Erwerb von zwei oder mehr Sprachen anders verläuft als der monolinguale Spracherwerb. Wir gehen davon aus, dass der gleichzeitige Erwerb mehrerer Sprachen die Entwicklung von grammatischen Kompetenzen ermöglicht, die qualitativ denen von monolingualen Kindern gleichen. Diese Hypothese wird anhand von Langzeitdaten von bilingual Deutsch-Französischen, Deutsch-Portugiesischen und Spanisch-Baskischen Kindern untersucht.

 

 

Unsere Ergebnisse bestätigen die Hypothese. So konnten in der Tat keine qualitativen Unterschiede zwischen monolingualer und bilingualer Grammatikentwicklung gefunden werden. Vielmehr lassen unsere Daten die Schlussfolgerung zu, dass mehrsprachige Kinder von Beginn an die grammatischen Systeme differenzieren (vgl. hierzu auch de Houwer 1990, Genesee 1989, Meisel 1989). Sie durchlaufen die gleichen Entwicklungsphasen wie entsprechende monolinguale Kinder.

 

 

Eine Frage, die in der Mehrsprachigkeitsforschung intensiv diskutiert wird, beschäftigt sich damit, ob es zu einer gegenseitigen Beeinflussung der Sprachsysteme kommt. Eine solche Beeinflussung kann sich gemäß Paradis & Genesee (1996, 1997) auf verschiedene Art und Weise zeigen, zum einen durch Transfer grammatischer Strukturen von einer Sprache in die andere, zum anderen aber auch durch Beschleunigung oder Verzögerung des Erwerbs eines grammatischen Phänomens in einer Sprache durch Einfluss der anderen Sprache. Unsere Daten bestätigen die Autonomiehypothese, die davon ausgeht, dass sich die beiden Sprachen im bilingualen Kind nicht gegenseitig beeinflussen (vgl. auch Meisel 2001). Dabei bezieht sich die Hypothese jedoch ausschließlich auf die Kompetenz der Kinder. Unterschiede im Sprachgebrauch monolingualer und bilingualer Kinder sind möglich, geben jedoch keine Auskunft über Abweichungen in der Repräsentation des sprachlichen Wissens. Ebenfalls nicht ungewöhnlich sind Sprachmischungen. Dieses so genannte Codeswitching ist nicht als Hinweis auf die Vermischung der Sprachsysteme zu deuten. Vielmehr kann es den Kindern als Kommunikationsstrategie dienen.

 

Insgesamt bestätigen unsere Forschungsergebnisse die Annahme, dass sich Mehrsprachigkeit nicht nachteilig im Spracherwerb auswirkt. Eine Verzögerung im Erwerb ist allenfalls im lexikalischen Bereich zu beobachten und im Laufe der Jahre auszugleichen.

 

 

 

 

Literatur:

 

De Houwer, A. (1990). The Acquisition of Two Languages from Birth: A Case Study. Cambridge: Cambridge University Press.

Genesee, F. (1989). Early bilingual development, one language or two? In: Journal of Child Language 16, 161-179.

Meisel, J.M. (1989). Early differentiation of languages in bilingual children. In: K. Hyltenstam & L. Obler (eds.), Bilingualism Across the Lifespan. Aspects of Acquisition, Maturity, and Loss. Cambridge: Cambridge University Press, 13-40.

Meisel, J.M. (2001). The simultaneous acquisition of two first languages: early differentiation and subsequent development of grammars. In: J. Cenoz & F. Genesee (eds.). Trends in Bilingual Acquisition.  Amsterdam: John Benjamins, 11-41.

Paradis, H. & Genesee, F. (1996). Syntactic acquisition in bilingual children: autonomous or interdependent? In: Studies in Second Language Acquisition 18, 1-15.

Paradis, H. & Genesee, F. (1997). On continuity and the emergence of functional categories in bilingual first language acquisition. In: Language Acquisition 6, 91-124.