Von Austria nach Australien –
Eine Sprachtherapiestudie via Internet und
Videoaufnahmen
Jacqueline Stark
Kommission für Linguistik und
Kommunikationsforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Wien, Österreich
Einleitung
Mit den ständigen Innovationen der multimedialen Technologie und den
Einsatz von Internet in dem sprachtherapeutischen Bereich sind die
Möglichkeiten, Sprachtherapie über größere Entfernungen durchzuführen, gegeben.
Wie klein die Welt tatsächlich geworden ist, zeigt das zunehmende Interesse von
AphasikerInnen an Chat- und Teletherapie-Angeboten. In diesem Beitrag wird eine
Therapie-Fallstudie, die in enger Zusammenarbeit zwischen der Therapeutin in
Wien und der Partnerin und dem Betroffenen –
KW - in Sydney durchgeführt wurde, präsentiert. Die internationale Relevanz dieser
Pilotstudie ist, dass es manchmal notwendig sein wird, Sprachtherapie über
größere Entfernungen durchführen zu müssen, entweder weil die betroffene Person
in einem anderen Land wohnt und die lokale Therapeutin eine andere
Muttersprache als die des Aphasikers beherrscht.
Die Interaktionen zwischen KW, der Partnerin und der Therapeutin liefern
Einsicht nicht nur in den Therapieprozess sondern auch in die zugrunde liegende
Sprachverarbeitungsschwierigkeiten des Aphasikers. Die Auswirkungen dieser
Pilotstudie reichen weit über die erzielten Verbesserungen im kommunikativen
Verhalten: KWs sprachliche und nicht sprachliche Kommunikation wurde besser und
in Analogie dazu ist die Lebensqualität der beiden im Laufe der Therapie positiv beeinflusst
worden.
Methoden
Patientendaten
KW erlitt einen massiven Insult zwei Jahre vor Beginn dieser Studie. Die
ersten fünf Monate im Krankenhaus erhielt er regelmäßig Sprachtherapie. Zu
Beginn dieser Studie war KW 63 Jahre alt. Zusätzlich zu seinem Beruf als
Musikprofessor, komponierte er, sang (Tenor) in einem Kirchenchor und er
leitete ein Orchester. Er spielte vier Instrumente: Klavier, Orgel, Trompete
und Blockflöte.
Die CT Untersuchung 16 Monate nach Aphasiebeginn zeigte eine ausgedehnte
linkseitige Läsion - ein alter Infarkt der Cerebri media links. Zu Beginn hatte
KW eine schwere Globalaphasie und eine rechte Hemiparese. Sein
Sprachverständnis verbesserte sich in der Rückbildung aber seine mündliche
Sprachproduktion beschränkte sich auf die drei Wörter: ‚ja’, ‚nein’, und den
Namen seiner Partnerin und das Füllwort ‚um’. Kurz nach seiner Entlassung vom
Krankenhaus wurde die Sprachtherapie
abgesetzt, weil die Prognose als sehr schlecht beschrieben wurde.
Da KW ein talentierter Musiker vor dem Aphasiebeginn war, erhielt er
Musiktherapie zu Hause. Er konnte die Skala – aufsteigend und absteigend -
singen in dem er die Wörter ‘ja’ und ‘nein’ verwendete. Er konnte auch Duetts
auf dem Klavier linkshändig spielen und auch dazu kurze Texte singen.
Aufbau der Studie
Nach Kontaktnahme mit der Gattin von KW flog die Therapeutin nach Sydney,
um die verbalen und kommunikativen Fähigkeiten von KW zu evaluieren und um ein
Intensivtherapieprogramm zu entwickeln und durchzuführen. Aus zeitlichen
Gründen konnte KW sprachlich nicht ausführlich getestet werden. Die
Sprachtestung erfasste jedoch verschiedene linguistische Ebenen (Wort-, Satz-
und Textebene), verschiedene Modalitäten (auditive, mündliche du schriftliche)
und verschiedene Aufgabenstellungen: Sprachverständnis, Benennen, Nachsprechen
u.a.. Die Testung ergab eine Globalaphasie in der
Rückbildung. Die Ergebnisse der Probetherapiesitzungen mündeten in eine
adaptierte Version des ELA-Syntaxprogrammes. Während eines sechzehntägigen
Aufenthaltes erhielt KW Sprachtherapie dreimal am Tag zu je einer Stunde: 40
einstündige Sitzungen wurden durchgeführt
inklusive eine Vor- und eine Nachtestung. Die erste Sitzung war in der
Früh, die zweite zu Mittag und die dritte am späten Nachmittag. Während der
Pausen entspannte sich KW in dem er zu Mittag sich niederlegte, er aß und
schaute Fernsehen. Die Sprachtherapiesitzungen wurden in seinem Wohnzimmer auf
Kassette und auf Video aufgezeichnet. KWs Partnerin war manchmal anwesend und
gegen Ende des Aufenthaltes der Therapeutin wurde seiner Partnerin
demonstriert, wie sie die Therapie durchführen sollte. Nach der Abreise der Therapeutin, war sie
ständig in E-mail-Kontakt mit KWs Partnerin und sie telefonierten regelmäßig.
Die Partnerin zeichnete weiterhin alle Sitzungen auf Video auf und schickte der
Therapeutin die Videokassetten. So konnte die Therapeutin Feedback in der Form
von Bemerkungen zum Ablauf der Sprachtherapie und Modifikationen des Programmes
an entsprechender Stelle übermitteln.
Diskussion
Die Hauptpunkte der Diskussion sind:
1) Was waren die Struktur und die Ziele des
Therapieprogrammes;
2) Was können wir aus dieser Pilotstudie für das Angebot und die
Durchführung von Sprachtherapie bezüglich des Therapieprozesses gewinnen (Byng,
1995) ?
3) Was waren die Vorteile und
Nachteile der Therapie mit KW?
4) Wie interagierten die
Therapeutin und KWs Partnerin aus der Ferne?
5) Was ist die Beziehung zwischen geübten und nicht geübten, spontan
produzierten Wörtern? Was können wir
hinsichtlich lexikalischer Verarbeitung bzw. der Struktur des mentalen Lexikons
ableiten? Bezüglich KWs
Sprachproduktion produzierte er ‘neue’,
unerwartete Wörter in Reaktion auf die Bildstimuli (z.B. Es wurde der Satz: The
girl is ‘going to the bathroom’ spontan
bei einer Wiederholung als : ‘walking to the bathroom’).
6) Welche Auswirkungen hatte die
Sprachtherapie auf KWs Alltagsleben?
Das Sprachtherapieexperiment mit KW aus der Ferne war erfolgreich. Bereits
in der ersten Therapiesitzung produzierte KW spontan sieben neue Wörter. Der
positive Ablauf der ersten Sitzung motivierte KW und seine Partnerin die
intensive Arbeit auf sich zu nehmen. Die weiteren Sitzungen sind durch
Leistungsschwankungen innerhalb und zwischen den Sitzungen zu charakterisieren.
Relevanter ist jedoch, dass KWs kommunikative Fähigkeiten in kleinen Schritten
sich verbesserten und es zu einer Übertragung auf seine Alltagskommunikation
kam.
Literatur:
Byng, S. (1995). What is Aphasia
Therapy? In C. Code and D. Müller (Eds.) The Treatment
of Aphasia
From Theory to Practice (pp.3-17).
Byng, S., Swinburn, K and C.
Pound (1999). The Aphasia Therapy File. Hove: Psychology Press.
Parr,
S., Byng, S.,
Gilpin, S. and C. Ireland, C. (1997, 1999). Talking About Aphasia.
Buckingham:
Open University Press.
Spaniol, M., Klamma, R., Springer, L. & Jarke, M. (2004). Aphasics’ Communities of Learning on the
Web. In Liu,
2004, Beijing, China,
August 8-11, 2004, Berlin Heidelberg: Springer, 277-285.
Stark, J. (1992,1995,1998, 2003). Everyday Life Activities-(ELA-)
Fotoserie, Set 1, 2 und 3 und
ELA-Objektserie. Wien: Bösmüller;
Druckzentrum Breitenfurt; Poech Verlag.