Logopädie in einer multiethnischen Gesellschaft

 

Christian Calbour (christian.calbour@wanadoo.fr)

Nantes, France

 

Aufgrund der Tatsache, dass jede ethnische Gruppe über eine eigene Muttersprache mit einer spezifischen sprachlichen Struktur verfügt, scheinen Logopäden/innen keine Alternative zur monolingualen Therapie zu haben. Doch wenn Logopäden/innen im häufiger mit einer sukzessiv erworbenen Vielsprachigkeit, einer immer umfangreicheren Migration und der Vermischung ethnischer Gruppen konfrontiert werden, müssen sie sich auch mit der Mehrsprachigkeit in der eigenen muttersprachlichen Gemeinschaft auseinandersetzen. Der Zerfall der traditionellen sozialen Klassen in eine Vielzahl sozialer und dialektaler Gemeinschaften führt zu einer ebenso so großen Zahl von Insider-Sprachen – Jargons ohne Struktur, ohne Kultur und ohne Verbindung zur Außenwelt.

Nachdem sich die Logopädie mit Migranten und Flüchtlingen und deren vom Bilingualismus verursachten Sprachstörungen befasst hat, muss sie sich nun der Herausforderung der Mehrsprachigkeit annehmen. Wenn sich die Logopäden/innen allzu schnell dem Modell einer „perfekten Sprache“ verschreiben, sind sie nicht mehr in der Lage, die vielen Muttersprachen und Jargons der sozialen Splittergruppen zu beherrschen, die es in ihrer eigenen muttersprachlichen Gemeinschaft so zahlreich gibt. Eine Sprache, die ihrer Wurzeln, der sie tragenden Kultur und ihrer sozialen Einbettung beraubt wird, verkommt zu einer reinen Ansammlung von Wörtern. Durch die Einbindung der gesamten Familie in die Therapie – unter Einbeziehung aller für die jeweilige ethnische Gruppe spezifischen sprachlichen, kulturellen und sozialen Besonderheiten – können Logopäden/innen konsequent und effizient arbeiten und so ihren Beruf gewissenhaft ausüben. Logopädie unter Einbeziehung der ethnischen Gruppe ist mehr als nur eine Antwort auf die Herausforderungen der Vielsprachigkeit, Mehrsprachigkeit und des Multikulturalismus: Sie erweitert den Horizont und stärkt damit die unverzichtbare Kommunikation zwischen den Völkern.

 

Schlüsselwörter: Muttersprache, Vielsprachigkeit, Mehrsprachigkeit, familienorientierte Logopädie, ethnienorientierte Logopädie