Eva-Kristina
Salameh, Speech and Language Pathologist, PhD (Medizin), Universitätsklinikum
MAS, Malmö (Schweden). E-Mail: evakristinasalameh@gmail.com
Der Einfluss
sprachlicher und kultureller Faktoren bei der Diagnostik und Therapie
bilingualer sprachgestörter Kinder
Unabhängig davon,
ob ein Kind, bei dem ein Verdacht auf eine Sprachentwicklungsstörung (SES) besteht,
mono- oder bilingual ist, stellen sich die gleichen klinischen Fragen:
Um sich mit diesen Aspekten zu befassen, muss der/die Sprachtherapeut/-in
(Speech and Language Clinician, SLC) mit dem Thema Sprachentwicklungsstörungen
bei bilingualen Kindern vertraut sein. Um zu untersuchen, ob es Unterschiede
zwischen bilingualen und monolingualen Kindern gibt, wurde an der Universität
Lund von 1999 bis 2003 das Projekt Language impairment in Swedish bilingual
children (SES bei schwedischen bilingualen Kindern) durchgeführt. Das
Projekt war in zwei Teile unterteilt; ein Teil untersuchte mögliche
epidemiologische Unterschiede, während der linguistische Teil sich mit linguistischen
Aspekten mit dem Schwerpunktthema Beurteilung befasste.
Zum Vergleich einer Reihe von Variablen bezüglich
Überweisung, Beurteilung und Behandlung wurden epidemiologische Daten von 192
bilingualen und 246 monolingualen Kindern verwendet (Salameh, Nettelbladt,
Håkansson & Gullberg 2002). Bei bilingualen Kindern bestand ein signifikant
höheres Risiko, erst im Alter von über 5 Jahren überwiesen zu werden; dies gilt
auch für den Widerstand der betreffenden Eltern gegen eine Erstuntersuchung. Bei
der Beurteilung lag die Prävalenzrate bei bilingualen Kindern niedriger,
allerdings wurden bei diesen Kindern erheblich häufiger als bei monolingualen
Kindern schwere Sprachentwicklungsstörungen diagnostiziert. Als ebenfalls
erheblich höher erwies sich bei bilingualen Kindern das Risiko, wegen
Nicht-Erscheinens von der Therapie ausgeschlossen zu werden, wobei das Risiko
sich mit zunehmender Schwere der SES erhöhte. Als Konsequenz wurde in
Zusammenarbeit mit schwedischen Kinderkliniken (Child Health Clinics, CHC) ein
Projekt gegründet, dessen Ziel es ist, die Ablehnung der Eltern gegenüber einer
Erstbeurteilung zu minimieren. In ethnisch gemischten Gebieten wird bei der
Überweisung von Kindern mit Verdacht auf SES inzwischen eine Logopädin / ein
Logopäde hinzugezogen, welche/-r die Eltern informiert, warum das Kind
überwiesen wird und was sie erwartet. Da die Verweigerungszahlen hierdurch
beträchtlich gesenkt haben, wird das Projekt nun dauerhaft fortgesetzt.
Eine weitere epidemiologische Studie untersuchte
mittels multipler Regression die Daten von 252 bilingualen und 446
monolingualen Kindern; das Ergebnis zeigte, dass das Risiko einer schweren
Sprachentwicklungsstörung bei bilingualen Kindern im Vergleich zu monolingualen
Kindern durch bestimmte Faktoren erhöht werden kann (Salameh, Nettelbladt &
Gullberg 2002). Die meisten Risikofaktoren schienen im Hinblick auf die Schwere
der Sprachentwicklungsstörung auf beide Gruppen zuzutreffen, wie zum Beispiel
Probleme auf Seiten der Eltern und eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit;
allerdings schien es hier der Interaktion von Geschlecht und erblicher
Vorbelastung einerseits sowie Umweltfaktoren andererseits zu bedürfen, um bei
bilingualen Kindern als Risikofaktoren zu Buche zu schlagen. Einige
Risikofaktoren trafen speziell auf bilinguale Kinder zu, beispielsweise Eltern,
die nach mehr als fünfjährigem Aufenthalt in Schweden Dolmetschhilfe
benötigten.
Im Rahmen des linguistischen Teils des oben
erwähnten Projekts beinhaltete die Definition des Sprachentwicklungsstörungsbegriffs,
dass das Kind in beiden Sprachen eine SES aufwies, um zwischen
Sprachentwicklungsstörung und mangelndem Kontakt mit der zweiten Sprache zu
differenzieren. Infolgedessen wurde bei befriedigender Entwicklung in der
Muttersprache eine grundsätzliche Sprachentwicklungsstörung ausgeschlossen.
Dies setzt voraus, dass der Sprachtherapeut über entsprechende Informationen
über die Sprachentwicklung und den gegenwärtigen Status in beiden Sprachen
verfügt. Es besteht immer die Möglichkeit, mit Hilfe der Eltern eine informelle
Beurteilung der muttersprachlichen Fähigkeiten vorzunehmen; um jedoch
vergleichbare Ergebnisse zur grammatikalischen Entwicklung zu erhalten, ist
eine theoretische Grundlage erforderlich. Sehr hilfreich ist hier die
Processability Theory (Theorie der sprachlichen Verarbeitbarkeit) von Manfred
Pienemann (Pienemann & Håkansson 1999). Der sprachübergreifende Ansatz
dieser Theorie ermöglicht den Vergleich der grammatikalischen Entwicklung in
zwei von der Typologie her unterschiedlichen Sprachen.
Da unter den in der Speech and Language Clinic des
Universitätsklinikums MAS in Malmö behandelten bilingualen Kindern die
schwedisch-arabischen Kinder bei weitem die größte Gruppe stellen, wurden die
auf die Processability Theory gestützten Forschungsexperimente in Schwedisch
und Arabisch entwickelt. Dies ermöglichte es, schwedisch-arabische bilinguale
Kinder mit schwerer SES zu identifizieren. Die Ergebnisse zeigten, dass sich
die grammatikalischen Fähigkeiten bei Vorschulkindern mit schwerer SES in der
gleichen üblichen Abfolge entwickelten wie bei Kindern ohne SES, wenn auch in
erheblich langsamerem Tempo. Zudem schien bei ihnen die Wahrscheinlichkeit,
dass sie mit dem Schwedischen wie auch mit dem Arabischen nur begrenzt Kontakt
hatten, größer zu sein. Kinder ohne SES wiesen von Anfang an ein hohes
grammatikalisches Niveau im Arabischen auf. Nach zweijährigem Besuch einer
schwedischen Vorschule zeigten die Kinder ohne SES auch im Schwedischen ein
hohes grammatikalisches Niveau. Bei den meisten Kindern mit schwerer SES war
dies nicht der Fall. Für die Beurteilung der Zweitsprache von bilingualen
Kindern, bei denen der Verdacht einer SES besteht, könnte dieser begrenzte
Zeitraum von zwei Jahren somit in klinischer Hinsicht signifikant sein
(Håkansson, Salameh & Nettelbladt 2003; Salameh, Håkansson &
Nettelbladt 2004). Weitere Versuche mit den genannten Tests zeigten
vielversprechende Ergebnisse.
Auch die phonologische Entwicklung in beiden
Sprachen wurde getestet und zeigte, dass die phonologische Entwicklung im
Arabischen und im Schwedischen tendenziell bei allen Kindern vergleichbar mit
der Entwicklung monolingualer Kinder in der jeweiligen Sprache verlief. Beide
Gruppen arbeiteten in der frühen Phase des Schwedisch-Erwerbs mit
syntagmatischen phonologischen Prozessen, d. h. sie vereinfachten die
Aussprache durch Veränderung der phonotaktischen Struktur der Wörter
(Nettelbladt 1983). Bei den Kindern mit schwerer SES wurden sowohl im
Arabischen als auch im Schwedischen nach mehr als zwei Jahren des Kontakts mit
der jeweiligen Sprache verschiedene syntagmatische Prozesse festgestellt, was
bei den Kindern ohne SES nicht der Fall war (Salameh, Nettelbladt & Norlin
2003). Die Feststellung zahlreicher syntagmatischer Prozesse in der
Muttersprache und in der Zweitsprache nach mehr als zwei Jahren Kontakt zur
jeweiligen Sprache könnte sich ebenfalls als klinisch signifikant erweisen.
Angesichts der Unterschiedlichkeit der
sprachlichen Fähigkeiten bilingualer und monolingualer Kinder stellt sich hier
natürlich die wichtige Frage, ob es überhaupt möglich ist, bilinguale Kinder
innerhalb eines monolingualen Rahmens zu testen. Auch das Code-Switching im
Gespräch mit einer anderen bilingualen Person ist eine Fähigkeit bilingualer
Menschen, die sich als klinisch interessant erweisen könnte. Verschiedene
Studien haben gezeigt, dass bilinguale Menschen, die regelmäßig zwischen zwei
Sprachen hin- und herwechseln, beide Sprachen sehr gut beherrschen (Håkansson
2003). Bei Kindern mit SES funktioniert das Code-Switching in der Regel nicht,
wenn sie ein Wort in einer Sprache nicht finden. Sie verstummen in diesem Fall,
während bilinguale Kinder ohne SES in die andere Sprache wechseln.
Wird eine Therapie durchgeführt, ist es von
äußerster Wichtigkeit, die Eltern zu involvieren. Hinsichtlich des Problems der
Nicht-Teilnahme ist zu untersuchen, welche Rolle linguistische und kulturelle
Faktoren spielen. Zurzeit wird eine Befragung schwedisch-arabischer Eltern
durchgeführt, die die Behandlung abgeschlossen oder abgebrochen haben; bei der
Befragung geht es um die Einstellung der Eltern zur sprachlichen Sozialisation
und Sprachentwicklungsstörung sowie um die Frage, wie sie sich eine optimale
Therapie für ihr Kind vorstellen. Zu Vergleichszwecken werden darüber hinaus
monolinguale schwedische und arabische Eltern befragt, Letztere in
Zusammenarbeit mit dem Aamal-Institut in Damaskus (Syrien). Hauptziel dieses
Projektes ist es, die Voraussetzungen für eine kultursensitive Therapie zu
schaffen, die von bilingualen Eltern bereitwillig akzeptiert und unterstützt
wird. Erste vorläufige Ergebnisse zeigen, dass viele schwedisch-arabische
Eltern eher wenig mit den Methoden vertraut sind, die helfen können, die
sprachliche Entwicklung des Kindes zu fördern. Hierbei darf allerdings nicht
vergessen werden, dass es außer kulturellen auch andere Gründe für
Therapieabbrüche gibt. Statistiken des Aamal-Instituts in Damaskus zufolge
wurde die Therapie bei fast 30 % der Kinder mit SES abgebrochen; eine
Zahl, die mit den Zahlen in Schweden vergleichbar ist. Sprachtherapien für
Kinder mit schwerer SES ist ein langsamer und arbeitsintensiver Prozess ohne
schnelle und drastische Veränderungen, und viele Eltern möchten andere Mittel
ausprobieren.
Um mehr schwedisch-arabische Eltern einzubinden,
wurde in Malmö in Zusammenarbeit mit der nationalen Gesellschaft für Eltern von
Kindern mit SES ein Netzwerk gegründet. Ziel ist es, Informationen in
arabischer Sprache bereitzustellen und eine Möglichkeit zu bieten, sich mit
anderen Eltern zu treffen. Die Treffen waren gut besucht, und viele Eltern
haben hilfreiche Anregungen gegeben, wie eine kultursensitive Therapie aussehen
könnte.
Literaturnachweis
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Sverige. [Bilingualität bei in Schweden geborenen Kindern]. Lund: Studentlitteratur.
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Nettelbladt, U. (1983): Developmental studies of dysphonology in
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Salameh, E.-K., Nettelbladt, U.,
Håkansson, G. & Gullberg, B. (2002): Language impairment in Swedish
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Salameh, E.-K., Nettelbladt, U. &
Gullberg, B. (2002): Risk factors for language impairment in Swedish bilingual
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Salameh, E.-K., Nettelbladt, U. &
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Salameh, E.-K., Håkansson, G. & Nettelbladt, U. (2004): Developmental perspectives on bilingual Swedish- Arabic
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