Direkte Stottertherapie im Kindesalter

Patricia Sandrieser

Peter Schneider

 

 

 

Einleitung

  • Stottern ist eine Störung des Sprechablaufs, die durch unfreiwillige Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern, Dehnungen von Lauten und Blockierungen vor oder in einem Wort gekennzeichnet ist (Bloodstein, 1995, S. 401). Es tritt typischerweise im Alter zwischen 2 und 5 Jahren auf. Ungefähr 5% aller Kinder sind davon betroffen.
  • Stottern irritiert auf der pragmatischen Ebene die Kommunikation – sowohl das stotternde Kind als auch die Eltern wissen nicht, wie sie mit den unvorhersehbaren „Fehlern“ stottertypischer Unflüssigkeiten umgehen sollen. Diese Verunsicherung kann sich auch auf die Beziehungsebene auswirken.
  • Menschen entwickeln die grundlegenden Einstellungen über sich selbst und der Welt in den Kinderjahren. Selbst wenn sie das Stottern wieder verlieren sollten, können Narben wie Selbstabwertung als Sprecher, Sprechangst und Vermeidungsverhalten zurückbleiben. Sollte das Stottern bestehen bleiben, ist es um so wichtiger, solchen Narben vorzubeugen und Möglichkeiten zu vermitteln, mit dem Stottern als kompetenter Sprecher leben zu können. Dass sich die Chance auf eine Remission durch eine Frühbehandlung erhöht, ist ein weiterer wesentlicher  Effekt. Dies begründet die Notwendigkeit von Früherkennung, Beratung und bei Bedarf eine Frühtherapie bei Stottern im Kindesalter.

 

1.       Ableitung der Notwendigkeit von Früherkennung und Frühtherapie                               

Der Entstehung von Stottern lässt sich bisher nicht vorbeugen – es bleibt die Möglichkeit der Sekundären Prävention im Sinne der WHO.  Ihr Ziel ist es, einen störungsfreien Zustand wiederherzustellen (therapieinduzierte Remission) und wenn dies nicht gelingt, das Ausmaß der Behinderung und Beeinträchtigung der Lebensqualität durch das Stottern möglichst gering zu halten.

 

Dies kann nur gelingen, wenn das Stottern möglichst früh erkannt wird. Daher fordern wir eine Erweiterung der U-3 bis U-6 um ein Früherkennungsinstrument wie z.B. die SLS. (Riley, 1989). Seitdem eine eindeutige Differential-Diagnose zu normalen Unflüssigkeiten möglich ist, lässt sich die Gruppe der Betroffenen klar erkennen (Natke, 2005). Außerdem liegen Kriterien vor, bei welchen stotternden Kindern Behandlungsbedarf besteht und bei welchen eine präventive Beratung der Eltern ausreicht (Sandrieser & Schneider, 2004).

 

Eine Besonderheit von Stottern sind die Spontanremissionen – auch ohne Therapie verliert sich das Stottern bei mindestens der Hälfte  aller betroffenen Kinder bis zur Pubertät (Bloodstein, 2005). Danach gibt es so gut wie keine Remissionen mehr. Warum also nicht einfach warten, ob es zur Remission kommt und diejenigen behandeln, die nach der Pubertät noch stottern?

 

Studien von Starkweather (Starkweather, 1987, Starkweather & Givens-Ackerman, 1997) und Onslow (1996) belegen, dass eine Frühtherapie Wirkung zeigt. Die Remissionsrate ließ sich durch Therapie auf  über 80% anheben. Da dem so ist, wäre es unethisch, eine Frühberatung bzw. Frühtherapie zu verweigern. Nun könnte man ja versuchen, eine  Prognose zu erstellen, ob der betreffende Patient zur Gruppe derer gehört, die das Stottern behalten werden. Das ist bisher leider nicht möglich. Daher besteht dieselbe Situation wie bei einer Aphasie in der Akutphase – auch hier würden man keinesfalls auf eine Therapie verzichten.

 

Der Aufschub einer Therapie birgt einige Gefahren: Je länger das Stottern besteht, desto stärker können sich psychische Reaktionen fixieren und einen Stotternden bis ins Erwachsenenalter hinein prägen (z.B. Erwartungsangst, Scham, Selbstabwertung). Ungünstige motorische Muster (z.B. Mitbewegungen, Anstrengungsverhalten) führen zu stabilen und damit therapieresistenteren neuronalen Synergismen. Selbstverstärkende Regelkreise bauen sich auf und können eine Remission verhindern.

 

2.       Ableitung der Notwendigkeit einer direkten Therapie

Die Definition „direkte Therapie“ bedeutet hier: „Die Sitzungen finden mit dem Kind und seinen Eltern statt und es wird ohne Tabuisierung über Stottern gesprochen.“

Dies steht im Widerspruch zu der häufig geäußerten Befürchtung, dass durch das Thematisieren von Stottern Störungsbewusstsein und Leidensdruck geweckt werden könnte und das Stottern somit erst richtig zum Ausbruch kommen würde.

Daher muss dieses direkte Vorgehen begründet werden. Starke Argumente kommen aus der Forschung: schon 3jährige Stotternde bewerten ihr Sprechen signifikant schlechter, als die nicht stotternde Kontrollgruppe (Vanryckeghem et al., 2005).  In der klinischen Praxis zeigt sich, dass viele Kinder ihr Stottern bemerken und sich auf den Mund schlagen, zu weinen beginnen oder die Frage stellen: Mama, warum kann ich nicht mehr richtig sprechen? Auch vorbeugende Strategien wie das Vermeiden von Wörtern oder Situationen, Flüstern, Sing-Sang oder rhythmisiertes Sprechen sind ein Beleg, dass die Kinder fest mit dem nächsten Symptom rechnen. Aber auch Kinder, die nicht so deutliche Reaktionen zeigen, wissen häufig um ihr Stottern, selbst wenn sie den Begriff dafür noch nicht kennen. Es ist nicht zu rechtfertigen, Eltern und ihre Kinder mit diesem Problem allein zu lassen.

Dies gilt umso mehr, als es ein Charakteristikum von Stottern ist, dass sich zur Überwindung oder Vorbeugung der  Kernsymptomatik eine Fülle von Begleitsymptomen entwickeln kann – dysfunktionelles Coping. Eine Frühtherapie kann dies verhindern indem sie ein funktionelles Coping ermöglicht.

 

3.       Einordnung des Therapieansatzes

Bei den direkten Ansätzen unterscheidet man die Konzepte des Fluency Shaping (Sprechflüssigkeitsformende Ansätze) und die Ansätze der Stottermodifikation. Der bekannteste Ansatz des Fluency Shaping  bei Kindern ist das Lidcombe-Programm (Onslow, 1996), ein operantes Therapieverfahren, das die Reduktion der Stotterereignisse zum Ziel hat.

KIDS gehört zu den Therapien der Stottermodifikation, deren bekanntester Vertreter Charles Van Riper (1973) ist. Er entwickelte ein Vorgehen für Erwachsene, das von Carl Dell (1979) für die Kindertherapie adaptiert worden ist. Mittlerweile gibt es in vielen Ländern Weiterentwicklungen dieses Ansatzes (Zebrowski, 2003; Larsson, 2000; Meersman & Stinders, 2000; Stes & Boey, 1993). Primäres Ziel der Stottermodifikation bei Kindern ist es, die Remission zu ermöglichen. Parallel dazu werden die Kinder, die keine Remission haben werden, angeleitet, ihr Stottern zu modifizieren um lediglich kurze und unangestrengte Stotterereignisse zu haben. Therapieerfolg ist dann ein gelassener Umgang mit den verbleibenden Stotterereignissen ohne Begleitsymptome und negative sekundäre psychische Reaktionen auf das Stottern. Aus dieser Zielsetzung leitet sich auch die Abkürzung „KIDS“ ab: „Kinder dürfen stottern“. Stottern braucht nicht  vermieden zu werden. Vielmehr zeigen wir stotternden Kindern, wie sie angst - und anstrengungsfrei stottern können. Dadurch erhöhen wir die Chance für eine Remission. Falls jedoch das  Stottern bestehen bleiben sollte, ermöglichen wir dennoch die Chance, sich als kompetenter Sprecher in allen Gesprächssituationen zu erleben.

 

4.       Mini-KIDS 

Zielgruppe: Es können Kinder ab Stotterbeginn behandelt werden, sobald sie Begleitsymptome oder negative psychische Reaktionen auf ihr Stottern zeigen. Das Vorgehen unterscheidet die Arbeit mit den 2 und 3jährigen Kindern von der Arbeit mit den vier- bis sechsjährigen Kindern.

Setting: Bisher wurde die Therapie nur ambulant mit 1 bis 2 Therapieeinheiten pro Woche durchgeführt. Geplant ist für 2006 die Durchführung einer Intensivtherapie. Ein Elternteil ist bei den Therapiesitzungen immer anwesend, beide Eltern werden parallel zur individuellen Therapie zu einer Elterngruppe (5 Abende à 90 Minuten)eingeladen. Auf die Elterngruppe wird in diesem Vortrag nicht eingegangen. Die Therapie umfasst die Phasen: Desensibilisierung/Identifikation, Modifikation und Generalisierung.

Vertrag: den Kindern wird vermittelt, dass sie in der Therapie lernen werden, ihre derzeitigen Stotterereignisse so zu modifizieren, dass möglichst kurze und unangestrengte Stotterereignisse auftreten. Fernziel ist die Reduktion der Stotterereignisse und wenn möglich eine vollständige Remission. Die Eltern werden in der Therapie als Co-Therapeuten eingesetzt und erhalten umfassende Informationen zum Stottern, zu möglichen Verläufen und der Wirkungsweise therapeutischer Interventionen. Voraussetzung für den Therapiebeginn ist, dass beide Elternteile den Inhalten und Zielen der Therapie zustimmen.

 

Desensibilisierung/Identifikation: In der Gruppe der 2- und 3jährigen Kinder wird auf die Phase der Identifikation verzichtet, da viele Kinder auditiv noch nicht in der Lage sind, diese zu erfassen. Stattdessen wird das Lernen am Modell – das natürliche Lernverhalten in dieser Altersgruppe - genutzt, indem die Therapeutin und die Mutter Pseudostottern in der Kommunikation mit dem Kind einsetzen. Der therapeutische Alltag zeigt, dass diese Intervention bei den Kindern zu einer Veränderung ihrer angestrengten Stotterereignisse führt und sehr oft zu einer schnellen und dauerhaften Reduktion des Stotterns. Der Wirkmechanismus dieses Therapieeffektes ist schwer zu klären. Es kann nicht entschieden werden, ob diese Reaktion allein auf das sprachliche Vorbild im Sinne eines Corrective Feedbacks zurückgeführt werden kann. Ebenso ist denkbar, dass das Modell von Gelassenheit und Bereitschaft, den Zeitverlust durch das Symptom auszuhalten die emotionalen Reaktionen des Kindes entspannt und die Symptomatik beim Kind reduziert. Dieser Effekt könnte aber auch durch die Desensibilisierung der Mutter begründet sein, wenn sie gelassener auf die Stotterereignisse ihres Kindes reagiert.

 

Da sich die Güte einer Stottertherapie immer an den Veränderungen am Alltag und nicht an den Veränderungen während der Therapiestunde misst, muss sich die Intervention auch im Alltag bewähren. Dies geschieht dadurch, dass die Mutter angeleitet wird, das Modellieren eines anstrengungsfreien und gelassenen Pseudostotterns zu Hause einzusetzen. Desensibilisierung und Modifikation gehen damit in einander über, die Identifikation echter Ereignisse muss nur die Mutter lernen.

 

Bei den 4- bis 6-jährigen Kindern erfolgt die Desensibilisierung und Identifizierung durch die Einführung und Übung von Pseudostottern. Dabei werden – je nach auftretender Stottersymptomatik – Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen realisiert. In einer hierarchischen Vorgehensweise lernt das Kind zuerst, Pseudo-Stotter-Ereignisse bei der Therapeutin zu identifizieren und später dann, sie selbst auf Wort- und Satzebene und in der Spontansprache zu produzieren und zu differenzieren, um dann schließlich echte Stotterereignisse identifizieren zu lernen. Das hierarchische Vorgehen erleichtert die Desensibilisierung gegen Stotterereignisse und gegen den damit verbundenen Zeitverlust. Die Mutter lernt die Therapieinhalte mit dem Kind und wird angeleitet, die Übungen zu Hause fortzuführen. Damit soll eine frühe Gewöhnung an In-Vivo-Situationen erreicht werden.

Dadurch, dass sowohl Kind und Mutter gemeinsam in einer angenehmen Weise lernen, absichtliche und echte Stottersymptome zu analysieren, zu benennen und  zu imitieren wird Stottern enttabuisiert. Diese Versachlichung führt zu einer Reduktion der psychischen Reaktionen auf Stottern. Dies ist die Voraussetzung für die Modifikation.

 

Modifikation: Die vier- bis sechsjährigen Kinder lernen eine Symptomlösestrategie, die anhand der vorliegenden Symptomatik und der motorischen Fertigkeiten des Kindes ausgewählt wird. Ziel ist es, dem Kind Strategien zu vermitteln, wie es die Kontrolle über angestrengte oder besonders lange Symptome erlangen kann. Eine kindgerechte Möglichkeit ist das „Lockere Herausstottern“ über Pseudosymptome und das Stoppen von Wiederholungen mit vielen Iterationen. In Einzelfällen ist auch der klassische Pull-Out möglich (Van Riper, 1973). Die präzise Umsetzung wird wie vorher die Einübung des Pseudostotterns hierarchisch aufgebaut. Von besonderer Bedeutung sind alle verbalen, grobmotorischen oder visuellen Hilfen, die dem Kind die Notwendigkeit verdeutlichen, nach dem Stoppen des Symptoms die Spannungslösung abzuwarten, d.h. bis es wieder die Kontrolle über sein Sprechen übernehmen kann. Alle motorischen Hilfen müssen im Verlauf wieder reduziert werden, um kein Begleitverhalten zu etablieren. Das stotternde Kind lernt diese Symptomlösetechnik im Therapieraum und in altersangemessenen In-Vivo-Übungen. Die Mutter wird angeleitet, außerhalb der Therapie weiter zu üben. Die Bearbeitung der Begleitsymptome ist in der Regel nicht erforderlich, da das Eingreifen ins Symptom kleinschrittig erarbeitet wird. Auf diese Weise werden in der Modifikation  Begleitsymptome schlichtweg durch Symptomlösestrategien ersetzt.

 

In der Generalisierung erfolgt die Umsetzung in den Alltag durch Begleitung der Mutter und wenn notwendig, der Therapeutin. Im günstigsten Fall kommt es zu einer Generalisierung mit einer deutlichen Reduktion der Symptome und einer Remission. Eine Therapie wird auch dann beendet, wenn das Kind nur noch kurze unangestrengte Symptome zeigt, ohne eine Technik einzusetzen.

 

Die Rahmentherapie umfasst die Enttabuisierung des Stotterns in der Familie durch ausführliche Informationen über das Stottern und durch die direkte Therapie. Falls notwendig, wird die Stottertherapie mit einer logopädischen Behandlung einer sprachsystematischen oder mundmotorischen Störung ergänzt oder die Verbesserung der pragmatischen Fähigkeiten oder der Kommunikationsfreude angestrebt. Wenn möglich werden alle wichtigen Bezugspersonen zumindest punktuell durch Informationen über den Umgang mit einem stotternden Kind einbezogen. Wenn es sinnvoll ist, erfolgt auch ein Besuch des Kindergartens. Wenn möglich werden Kontakte zu anderen stotternden Kindern hergestellt. Durch die Weitergabe von Informationen, die Elterngruppe, Kontakte zu Mailinglisten und der Selbsthilfebewegung wird das stotternde Kind und seine Eltern darauf vorbereitet mit der Störung adäquat umzugehen, wenn keine Remission erfolgen sollte.

 

5.       Schul-KIDS

Schul-KIDS verfolgt dieselben Ziele und verwendet im Wesentlichen dieselben Methoden, wie Mini-KIDS, berücksichtigt jedoch die unterschiedliche Situation der Zielgruppe Schulkinder. Wie bei Mini-KIDS gibt es die Phasen „Desensibilisierung/Identifikation, Modifikation und Generalisierung“. Im Folgenden werden die Unterschiede zu Mini-KIDS genauer herausgestellt:

 

Entwicklungsstand

Schulkinder sind kognitiv weiter entwickelt. Dies ermöglicht es, in der direkten Therapie unter der Prämisse „Jugend forscht“ die Metaebene zu nutzen. Außerdem können umfangreichere Informationen über Stottern vermittelt werden. Dies lässt sich an der Erarbeitung der „Stotterzwiebel“ in der Identifikation verdeutlichen, in der sich die Begleitsymptomatik wie Zwiebelschalen um die Kernsymptomatik legt..

Der sensorische und feinmotorische Entwicklungsstand lässt in der Identifikation eine genauere Analyse zu. In der Modifikation können komplexere Strategien erarbeitet werden. Das sind die Symptomen vorbeugende „Zeitlupe“ (Prolongation)  und der Pull-Out, der dazu dient, sich aus Stotter-Ereignissen zu befreien.

 

Lebenssituation

Schulkinder haben ein größeres soziales Umfeld (Schule, Freunde, Vereine) in dem sie unabhängiger sind von ihren Eltern. Dementsprechend tragen sie auch mehr Eigenverantwortung für den Transfer. Meistens ist nur in den ersten Grundschuljahren eine  intensive Elternbeteiligung möglich. Für ältere Schulkinder müssen Möglichkeiten gefunden werden, Hausaufgaben so zu geben, dass sie ohne Eltern durchgeführt werden können, wie z.B. kurze telefonische Übungen zwischen den Sitzungen.

Wichtig ist vor allem, von Anfang an Freunde und die Schule einzubeziehen und die Desensibilisierung in alltagsnahen In-Vivo-Situationen durchzuführen. Nur auf diese Weise kann sich das Kind der Akzeptanz der Stottertherapie und der Symptomlösetechnik in seiner Umgebung sicher sein – eine wesentliche Voraussetzung für die Generalisierung am Ende der Therapie.

 

Stotterverhalten

Mit zunehmender Störungsdauer nimmt die Automatisierung von Begleitverhalten zu – es wird zunehmend schwieriger, es zu verändern. Daher muss bei vielen Schulkindern das Begleitverhalten identifiziert, vorbeugende Strategien müssen abgebaut werden. Hier sei auf das Beispiel „Stotterzwiebel“ verwiesen.

Zudem bedarf es einer intensiven Übung der Symptomlösestrategien in hierarchisch immer schwierigen Situationen.

 

Psychische Reaktionen

Die Belastung durch negative Erfahrungen ist bei Schulkindern häufig recht hoch – im Unterricht gibt es eine Vielzahl von exponierten Situationen wie lautes Vorlesen, Referate oder mündliche Mitarbeit. Unter Gleichaltrigen ist Stottern„voll uncool“. Vor nichts haben stotternde Schulkinder ausnahmslos mehr Angst, als Gleichaltrige anzusprechen und dabei womöglich auch noch zu stottern. Wenn Gesprächspartner kränken oder hänseln, verrät sich meist Unwissenheit über Stottern und nicht Boshaftigkeit. Die therapeutische Konsequenz ist ein Schulbesuch. Nach gründlicher Vorbereitung führt die Logopädin zusammen mit dem Schulkind eine Informationsveranstaltung in der Klasse durch. Experimente und ein Quiz machen diese Schulstunde attraktiv. Die Erfahrung zeigt, dass sich der hohe therapeutische Aufwand bezahlt macht. Die Chancen, auf diese Weise eine akzeptierende Haltung der Mitschüler herzustellen sind enorm. Außerdem ist es nicht mehr so peinlich, in der Klasse Sprechtechniken einzusetzen – der Transfer wird unterstützt.

 

Für Schulkinder ist eine Gruppentherapie die Therapieform der Wahl – nach anfänglicher Scheu profitieren viele Kinder davon, dass sie erleben, mit dem Problem Stottern nicht mehr allein zu sein. Die Enttabuisierung fällt viel leichter – die Kinder lernen hier mehr voneinander als vom Therapeuten. Die in der Einzeltherapie oft unbeliebte Desensibilisierung In-Vivo lässt sich motivierend gestalten. Der Rückhalt in der Gruppe sowie schnelle Fortschritte in der Desensibilisierung können auch misserfolgmotivierten Kindern einen aktiven und offenen Umgang mit ihrem Stottern vermitteln. Diese Veränderungen sind jedoch längst nicht in jedem Fall stabil. Eine ausführliche Vorbereitung für die Zeit nach dem Ende der Therapie und Absprachen für eine Nachsorge tragen dem Rechnung.

 

6.       Schluss    

Abschließend noch einige Gedanken zur Evaluation dieses Therapieansatzes:

·        Wenn eine Remission erreicht wurde, lässt sich im Einzelfall nicht belegen, dass sie nicht auch ohne Therapie eingetreten wäre. Daher wäre eine ausreichend große Patientengruppe zu evaluieren

·        Sowohl bei einer Reduktion der Stotterrate als auch bei einer Remission liegt es in der Natur des Stotterns, dass nach Therapie-Ende wieder eine Phase mit einer stärkeren Symptomatik auftreten kann. Eine Evaluation müsste berücksichtigen, ob Eltern bzw. Kinder in der Lage sind, in solchen Fällen adäquat zu handeln. Follow-Up-Untersuchungen über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren, wie bei PEVOS (Pape-Neumann et al., 2003) vorgesehen, sind erforderlich.

·        Eine Evaluation darf bei KIDS nicht nur die Häufigkeit und Qualität von Stotterereignissen berücksichtigen. Da die Therapie deutlich auf  einen selbstbewussten Umgang mit Stottern abzielt, müssen auch die Einstellungen und Gefühle hinsichtlich Sprechen und Stottern in unterschiedlichen Alltagsbereichen erfasst werden. Solange die beiden Parameter „Stotterverhalten“ und „psychische Reaktionen auf Stottern“ nicht in Beziehung gesetzt werden, wird man dem Erfolg mancher Kinder nicht gerecht. Dies trifft vor allem auf Kinder zu, die aufgrund Sprechangst und starken Vermeidungsverhaltens kaum stottern. Hier ist damit zu rechnen, dass die Stotterhäufigkeit zunimmt, sobald sie selbstbewusster zu ihrem Stottern stehen können und häufiger Sprechsituationen aufsuchen, in denen sie das Risiko eingehen, zu stottern. Aber erst dadurch bekommen sie die Möglichkeit, ihre Stotterereignisse auch zu bearbeiten.

·        Unsere bisherigen klinischen Erfahrungen zeigen, dass die Remissionsrate während der Therapie bei Vorschulkindern am höchsten ist. Bei Schulkindern gelingt häufig eine positive Veränderung der Einstellung zum Sprechen ausgeprägter und nachhaltiger, als eine langfristige Verbesserung des Stotterverhaltens. Dies entspricht den Untersuchungsergebnissen von  McClure und Yaruss (2003) bei erwachsenen Stotternden.

·        Als Therapeut von erwachsenen Stotternden hört man immer wieder: „Ich fand meine Stottertherapie als Kind so schrecklich, dass ich mich erst jetzt wieder an eine Therapie heranwage.“ Eine Stottertherapie im Kindesalter sollte daher in jedem Fall eine positive Erinnerung hinterlassen.

 

7.       Diskussion

 

 

Literatur:

 

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Bloodstein, O.: A Handbook on Stuttering. Singular Publishing Ltd., San Diego, 2005

 

Dell, C., Jr.: Treating the School Age Stutterer. A Guide for Clinicians. Stuttering Foundation of America. Memphis, Tennessee, 1979

 

Larsson, L.: Fortbildung für Logopädinnen “Stottertherapie im Kindesalter”, in Aumühle bei Hamburg, 2000

 

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Meersman, M. & Stinders, K.: Ouders als co-therapeuten bij de behandling van hun stotternde Kind. Logopedie, (13) 3, S. 26-33, 2000

 

Natke, U. Stottern: Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. 2. Auflage, Hans Huber, Bern 2005

 

Onslow, M.: Behavioral management of stuttering. Singular Publishing, San Diego, 1996

 

Pape-Neumann, J., Bosshardt, H.G.,  Natke, U.,  Oertle, H.: The German program for the evaluation of stuttering therapies (PEVOS) - Results of the test-phase. ISAD-Online conference 2003

 

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Starkweather, C.W.: Fluency and Stuttering. Englewood Cliffs, N.J., Prentice Hall, 1987

 

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Stes, R.,  Boey, R.: Modification of the behavioral models of parents in reaction upon the stuttering of their young children. A training program for parents. dbl-Jahrestagung in Münster, 1993

 

Van Riper, C: The treatment of stuttering. Englewood Cliffs, N.J., Prentice Hall 1973.

 

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